07.07.16 | Aktuelles, Pressemeldungen

Großartiges Erbe, ungewisse Zukunft

Internationale Konsultation in Beirut zur Reformation im Orient
Internationale Konsultation in Beirut zur Reformation im Orient

Die Teilnehmenden der internationalen Konsultation zu Gast bei dem Großmufti des Libanon, Scheich Abdul Latif Daryan. (Foto: EMS/Buck)

Reformatorischen Spuren im Nahen Osten ist Ende Juni eine internationale Konferenz in Beirut nachgegangen. Unter dem Titel "The Protestant Reformation 500 Years Later in Germany and Lebanon" diskutierten rund 60 evangelische und nicht-evangelische Christen aus dem Libanon und aus Deutschland, sowie Vertreter des Islam von 24. bis 27. Juni an der Near East School of Theology (NEST).

Der Protestantismus ist im Nahen Osten noch sehr jung. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts hatten evangelische Missionare aus Amerika und Europa das reformatorische Gedankengut in die orientalischen Gesellschaften gebracht, gründeten Schulen und Universitäten, bauten Krankenhäuser und haben damit eine nachhaltige Transformation in Gang gesetzt. "Reformation bedeutet für uns ein großartiges Erbe, gerade in Hinblick auf die Errungenschaften im Bildungs- und Sozialbereich", sagte George Sabra, der Präsident der NEST. "Doch was wird unser Beitrag in Zukunft sein?"

Den Blick auf das reformatorische Erbe richtete der badische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh, der den Einfluss von Religion in modernen Gesellschaften analysierte. "Angesichts von religiösen Konflikten beten wir, dass wir durch die Macht der Gnade erneuert werden und zur gesellschaftlichen Transformation durch Versöhnung und Brückenbauen beitragen. Die Macht der Religion basiert nicht auf unserer erschöpflichen, menschlichen Kraft, sondern darauf, dass Gott vorausgehend "Ja" zu uns gesagt hat. Deswegen ist das Evangelium eine unerschöpfliche Kraftquelle", sagte Cornelius-Bundschuh.

Die Frage nach der Zukunft des Protestantismus im Nahen Osten ist aktueller denn je. Die evangelischen Christen dort sind nur eine sehr kleine Minderheit und stark vom Phänomen der Emigration betroffen. Sie haben in der Regel eine sehr gute Ausbildung und gute Kontakte in den Westen - entsprechend leicht fällt es ihnen, in einer westlichen Gesellschaft Fuß zu fassen. "Unsere historischen, theologischen und liturgischen Wurzeln liegen nicht im Orient, sondern im Westen", sagte Sabra, der die Beziehungen zum Westen zum einen als Segen bezeichnete. In der Fremdwahrnehmung durch nicht-evangelische Christen stelle dies aber manchmal ein Problem dar. "Viele fragen sich, ob wir nicht doch Westler oder gar Fremde hier sind. Und manche sehen in uns einen Fehler des Westens in der nahöstlichen Kirchengeschichte."

Wie sehr die einheimischen katholischen, orthodoxen und altorientalischen Kirchen den aufkommenden Protestantismus im 19. Jahrhundert als westlichen Import wahrgenommen hatten, wurde in den Beiträgen der nicht-protestantischen Redner deutlich. "Die Missionare haben keine orientalischen neuen Kirchen gegründet, sie haben neue westliche Kirchen importiert, haben westliche Sprachen in ihre Liturgie übernommen", sagte der maronitische Priester Gaby Hachem, der an der Université du Saint Esprit in Kaslik (Libanon) Theologie lehrt. Und Serj Boghos Tinkjian, stellvertretender Dekan des Armenisch-orthodoxen Seminars in Bikfaya, wies darauf hin, dass die westlichen Missionare die einheimischen Kirchen als Missionsfeld betrachtet hätten. "Es wäre vermutlich besser gewesen, wenn der evangelistische Eifer sich darauf konzentriert hätte, die lokalen Kirchen zu reformieren und nicht neue zu gründen." Durch ihr Vorgehen hätten die Missionare zum Teil viel Zwietracht in der Gesellschaft und selbst in Familien gesät.

Dass die Missionare im 19. Jahrhundert nicht vorurteilsfrei den einheimischen Kirchen gegenüber auftraten, beschrieb der rum-orthodoxe Priester Rami Wannous. "Man machte sich lustig darüber, dass wir Ikonen küssen, beschuldigte uns der Bilderanbetung und verurteilte den Marienkult", sagte er. "Für protestantische Missionare waren wir Orthodoxe der Grund, warum Muslime noch nicht zum Christentum gefunden hatten."

SiMO-Konsultation Beirut
Die Tagung ist die 5. Internationale Konsultation, welche die NEST zusammen mit dem Studienprogramm "Studium im Mittleren Osten", das bei der EMS angesiedelt ist, organisiert. (Foto: EMS/Buck)

Hachem, Tinkjian und Wannous machten aber auch deutlich, dass die evangelische Mission auch positive Auswirkungen auf ihre Kirchen hatte. So seien beispielsweise in der rum-orthodoxen und der Armenisch-orthodoxen Kirche die theologischen Diskussionen bereichert worden. Die zentrale Rolle, welche die Bibel für Protestanten spiele, oder die Betonung von Diakonie und Bildung hätten auch auf die Armenisch-orthodoxe Kirche ausgestrahlt und "neue Türen in der Theologie geöffnet. Die Auseinandersetzung mit der Reformation hat unsere Kirche gestärkt", sagte Tinkjian. Alle drei bezeichneten die heutige Aufsplitterung der wenigen Protestanten in viele verschiedene Gruppen, darunter auch charismatische oder pfingstlerische, als problematisch für die Ökumene. "In dieser Vielfalt können wir keine Einheit mehr erkennen", sagte Wannous. Hachem von der maronitischen Kirche riet deswegen den Kirchen der Reformation, genau auf diesem Feld eine führende Rolle gegenüber den evangelikalen und nicht-ökumenisch orientierten Bewegungen zu spielen und diese in die nahöstliche Ökumene zu führen.

Insgesamt hängt die Zukunft aller Christen im Nahen Osten aber vor allem davon ab, wie sich die Region insgesamt entwickeln wird. Das ist auch vielen Muslimen bewusst. Für eine Erneuerung des religiösen Diskurses plädierte deswegen der Großmufti des Libanon, Scheich Abdul Latif Daryan bei einem Empfang der Konsultationsteilnehmer im Dar el-Fatwa, der obersten sunnitischen Religionsbehörde im Libanon. "Wir wollen keinen religiösen Diskurs, der auf Hass und Fundamentalismus aufbaut." Kirchliche Schulen lehrten die Werte des christlichen Glaubens und islamische Schulen die des Islam. "Gemeinsam haben wir die Aufgabe, den Geist der Liebe, der in beiden Religionen zentral ist, zu predigen."

Die Tagung war die 5. Internationale Konsultation, welche die NEST zusammen mit dem Programm "Studium im Mittleren Osten" (SiMO) organisiert hat. SiMO ist bei der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS) angesiedelt und gibt Studierenden die Möglichkeit, ein ökumenisches Studienjahr an der NEST in Beirut zu verbringen. Dabei lernen sie die Kirchen im Nahen Osten in ihrem islamischen Kontext kennen. Nicht nur angehende Theologinnen und Theologen können davon profitieren - auch Studierende der Islamwissenschaft, Geschichte, Politikwissenschaft und anderer verwandter Fächer können sich bei der EMS bewerben.

Pressekontakt: Regina Karasch-Böttcher, karasch-boettcher@ems-online.org, Tel. +49 711 636 78 85
Auskunft: Dr. Uwe Gräbe, graebe@ems-online.org, Tel. +49 711 636 78 37

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