14.03.18 | Aktuelles

Über die verändernde Kraft der Nachfolge

Kommentar von Jürgen Reichel, Generalsekretär der EMS, zur Weltmissionskonferenz in Arusha/Tansania
Frau mit Plaktat

(Foto: Albin Hillert/WCC)

Kirchen aus sechs Kontinenten hat der Weltrat der Kirchen vom 8. – 13. März nach Arusha (Tansania) zur „Weltkonferenz für Weltmission und Evangelisation“ eingeladen. Über tausend Teilnehmende sind gekommen und debattierten darüber, wie Christinnen und Christen die „Berufung zur verändernden Nachfolge“ in der heutigen Zeit wahrnehmen.

„Vom Geist bewegt - zur verändernden Nachfolge berufen“ – der Titel der Weltmissionskonferenz verrät einen Anspruch: Nachfolge Christi ist keine innerliche Angelegenheit. Sie verändert die umgebende Welt. Kenneth Mtata, der Generalsekretär des Kirchenrates von Zimbabwe, erläutert es anhand des Alten Testaments: Die Bibel unterscheidet zwischen „gerechtem Sein vor Gott“ (zedakah) und „gerechtem Tun zwischen den Menschen“ (mishpat). Beides gehört zur Nachfolge.

„Unsere Kirchengemeinde betont vor allem, dass wir unser Verhältnis zu Gott in Ordnung bringen sollen“, sagt eine junge Kenianerin sehr nachdenklich im Tischgespräch. „Dass wir als Christen auch dafür Verantwortung tragen, dass den Armen Gerechtigkeit widerfährt, ist hingegen kein Thema. Unsere Kirche tut wenig für andere. Sie versteht unter Mission, andere Menschen zum Glauben zu bringen, nicht aber, für Gerechtigkeit zu sorgen.“ Noch immer sind Kirchen mit sich selbst beschäftigt, statt die Gute Nachricht erfahrbar zu machen – das ist der Tenor vieler Äußerungen. „Unsere Mission ist es definitiv nicht, uns und unsere Institutionen zu schützen“, bekräftigt Olaf Fykse Tveit, der Generalsekretär des Weltkirchenrates, „vielmehr zielt Gottes Mission auf die anderen, nicht uns selbst.“

Die Weltmissionskonferenz ruft aber nicht einfach zu mehr Aktion für andere auf. Sie lädt vielmehr dazu ein, sich von den „Rändern“ verändern zu lassen. Es ist in Arusha oft nicht so einfach, nachzuvollziehen, wer zu den “Rändern“ gehört, die auf die im „Zentrum“ verwandelnd einwirken. Chinesische Christen etwa wehren sich heftig, als sie nachvollziehen, dass ihr Land in Bausch und Bogen zu den marginalisierten Weltgegenden gezählt werden soll. Auch junge afrikanische Frauen widersprechen: Sie wollen nicht als Opfer beschrieben werden.

Soviel aber ist klar: Veränderungen erwartet der Weltkirchenrat von denen, die sich nicht damit abgeben, marginalisiert zu werden: Frauen, denen in vielen Kirchen weniger Rechte eingeräumt werden. Indigene, die wenig Respekt erfahren und an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden. Menschen, die unter miserablen Arbeitsbedingungen Produkte für Konsumenten in reichen Ländern herstellen. Ihnen traut die Missionsfamilie zu, ungerechte Strukturen aufzubrechen und nicht mehr zuzulassen, dass andere über sie bestimmen.

Eine junge Katholikin von den Fidschi-Inseln fasst in eigene Worte, wie sie ihre Rolle als eine junge Frau „an den Rändern“ versteht: „Als ganz gewöhnliche Frau aus Ozeanien ohne Titel und besondere Befugnisse stehe ich hier und sage: Mein Name ist Adi Mariana Waqa. Ich bin in den Augen Gottes wertgeachtet. Ich habe eine Stimme. Ich bin frei, weil ich im Geist wandle. Ich und meine Leute sind nicht mehr einfach Empfänger der Guten Nachricht. Durch Gottes Kraft sind wir selbst Botschafter des Evangeliums geworden.“

Die Weltmissionskonferenz feiert wunderbare Gottesdienste und Andachten, präsentiert originelle Bibelarbeiten, lässt sich von persönlichen Erfahrungen hinreißen, räumt Frauen weiten Raum ein und führt tausend Menschen in ungezählten Einzelbegegnungen und Gruppengesprächen zueinander. Sie vermag es aber nicht, eine Programmatik für Mission im 21. Jahrhundert zu entwickeln, die darüber hinaus geht, die Marginalisierten als die eigentlichen Akteure von Gottes Mission in den Mittelpunkt zu stellen. Sie geht in den Podien nicht auf die drängenden Fragen der Mission ein: Wie stehen Christen und andere Religionen zueinander? Wie begegnen Christen wachsendem Nationalismus? Wie gehen sie mit Fundamentalismus um, der zur Gewalt greift? Welche Strategien entwickeln sie, um der zunehmend eingeschränkten Bewegungsfreiheit für Zivilgesellschaft und Kirchen in vielen Ländern zu begegnen? Wie verändern wir unser Selbstbild angesichts der Wanderungsbewegungen in allen Teilen der Welt, die die Kirchen nachhaltig verändern? Wie gewinnt die Kirche Christi im digitalen Raum Gestalt?

Wahrscheinlich ist die Spannbreite des Ökumenischen Rates der Kirchen zu weit. Es ist nicht mehr vorstellbar, dass Orthodoxe aus Russland, evangelikale Missionsbewegungen aus Korea, lutherische Christen aus säkularisierten Gesellschaften Nordeuropas, Katholiken aus Afrika und Pfingstler aus aller Welt zu gemeinsamen Zielvorstellungen kommen. Programmatische Reden sind wahrscheinlich aus diesem Grund gar nicht vorgesehen. Schade aber, dass auch nicht der Versuch unternommen wird, die Folgerungen aus den unterschiedlichen Ansätzen und Erfahrungen miteinander ins Gespräch zu bringen. Eine beherzte Diskussion darüber, welche Schritte Christen zusammen in der „verändernden Nachfolge“ tun, wäre den Versuch wert gewesen.

 Jürgen Reichel

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