20.11.18 | Aktuelles, Unterwegs erlebt

Besuch an der Vorschule im syrischen Tal der Christen

Ein Reisebericht.

(Foto: EMS/Gräbe)

Libanesisch-syrische Grenze. Wieder einmal versinke ich fast in einem der schweren Polstersessel, auf denen der seltene Besucher aus dem Ausland zur Passkontrolle in dem verräucherten Büro Platz nehmen darf – alles wirkt genauso wie bei meinen letzten Kriegsbesuchen in Syrien in den Jahren 2014 und 2015. Auch der Offizier ist derselbe wie vor drei Jahren. „Den kenne ich. Ein netter Druse“, flüstere ich meinem syrischen Begleiter zu, der mich mit seinem Auto aus dem Libanon abgeholt hat. Der scheint überrascht (woher auch sollte ich die Religion derer kennen, die uns hier kontrollieren?) und macht den Test: „Und wo bist du zu Hause?“, fragt er den Offizier, nachdem der unsere Wohnorte notiert hat. „In Suweida“, lautet die Antwort des Uniformierten. Mein Begleiter schenkt mir ein anerkennendes Nicken. In Suweida, jener Vulkangegend im Süden Syriens, in der bis zuletzt die Terroristen des „Islamischen Staates“ noch mit Entführungen und erbittertem Widerstand gegen die Regierungsarmee auf sich aufmerksam gemacht haben, lebt man in der Regel, wenn man syrischer Druse ist – also jener Religionsgemeinschaft in diesem Land angehört, die sich im 11. Jahrhundert vom schiitisch-ismaelitischen Islam abgespalten hat.

Als mein Begleiter zusammen mit einem jungen Grenzbeamten und meinem Pass den Raum verlassen hat, winkt der Beamte mich zu sich und rückt einen weiteren Sessel an seiner Seite zurecht. Er lässt mir eine Tasse Tee bringen und zeigt mir schon bald einige nette Fotos auf seinem Smartphone, die ihn ganz privat, in traditioneller Kleidung zusammen mit ein paar würdevollen Drusen-Scheichs, zeigen. Die Botschaft ist eindeutig: Lass dich von den Rangabzeichen auf meiner Uniform nicht irritieren. Ich werde dich hier nicht schikanieren. Ich bin eigentlich ein tief religiöser Mensch. 

(Foto: EMS/Gräbe)

So befinden wir uns schon bald in einem theologischen Gespräch. Auch bei den Drusen gebe es eine Art trinitarisches Denken, so der Offizier. Es sei ihm daher nicht fremd, Gott als Vater, Sohn und Heiligen Geist zu denken. Das entspreche doch nur der menschlichen Ganzheit von Leib, Seele und Geist. Sein eigener Sohn lebe übrigens in Deutschland. Ob er ihn schon einmal besucht habe, frage ich ihn. Der Beamte seufzt. Syrien zu verlassen – und sei es auch nur für einen kurzen Urlaub – sei für einen Mann in seiner Position ganz und gar unmöglich. Ich betrachte ihn genauer. Seine Gestalt strahlt einerseits militärische Straffheit aus, andererseits fallen mir sein trauriger Blick und seine angenehme Stimme auf. Kann, darf man für einen Vertreter von Assads Sicherheitsapparat Sympathie empfinden? In diesem Fall kann ich gar nicht anders.

Mit der Bescheinigung, die mir meine lokalen Partner vorab besorgt haben, sind die Grenzformalitäten in Windeseile erledigt. Anders als bei den letzten beiden Besuchen bezahle ich tatsächlich ganz genau nur den Preis, der in das Visum eingetragen ist: 60 Euro. Und dann geht es mit Leichtigkeit über Land in Richtung Wadi Nasara, dem „Tal der Christen“, zum Kafroun Kindergarten.

(Foto: EMS/Gräbe)

In der kleinen Kindertagesstätte hängen farbenfrohe Kinderzeichnungen an den Wänden. Einen ganzen Vormittag lang werden uns Einblicke in den Unterrichtsalltag gewährt. Am 1. Januar 2014, als der syrische Krieg immer mehr eskalierte, war die von der internationalen EMS-Gemeinschaft finanzierte Einrichtung mit damals 30 Kindern ursprünglich als Nothilfe-Maßnahme für drei Jahre gegründet worden; eine zweite Projektphase hat am 1. Januar 2017 begonnen und soll bis 2019 reichen. Aktuell besuchen 70 Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren die Einrichtung, verteilt auf vier Klassen in Kinderkrippe, Kindergarten und Vorschule. Dreißig der Kinder sind Christen, vierzig Muslime – ungefähr je zur Hälfte Jungen und Mädchen (die Mädchen sind momentan ein klein wenig in der Überzahl).

Ich erlebe, wie die Kleinen malen und Häuser aus Legosteinen bauen; wie die „Mittelgroßen“ einfache Zahlen lernen, oder die Ältesten sich bereits im Lesen und Schreiben auf Arabisch üben. Wie groß ist das Gelächter, als ich ganz falsch zähle – oder ein B mit einem T verwechsle. Gesungen wird dennoch für mich: „Backe, backe Kuchen“, ganz auf Deutsch! Anschließend gibt es eine Bewegungspause: Draußen im Grünen, auf dem Schulhof an dem kleinen Bach, der durch das Dorf Kafroun fließt, macht eine der Erzieherinnen zu flotter Musik Aerobic-Übungen vor und die Kinder machen begeistert mit. Später gibt es eine kleine Stille-Meditation, und ich staune, wie es den Erzieherinnen gelingt, dreißig Kinder zu einer solch spürbaren Ruhe anzuleiten. Ich ahne, wieviel Können dazu gehört.

(Foto: EMS/Gräbe)

Doch dann passiert etwas ganz Unerwartetes: Schon eine ganze Weile hat mich dieser kleine Junge beobachtet: vielleicht fünf Jahre alt, mit Stoppelhaarschnitt. Als ich ein paar Schritte auf ihn zu mache, kommt er mir plötzlich entgegengestürmt, fällt mir um den Hals, klammert, gibt mir Küsschen auf die Backe und will mich gar nicht mehr loslassen. Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll, streiche ihm freundlich über den Kopf, versuche ihn wieder abzusetzen – doch er lässt nicht los. Wohl ganze fünf Minuten klammert er an mir, wie eine kleine Klette. „Er hat noch vor Augen, wie sein Vater erschossen wurde“, erklärt mir eine Erzieherin. Ich schaue mich um. An der Kindertagesstätte arbeiten in diesem Jahr nur Frauen. Ist es die Sehnsucht nach einer männlichen Bezugsperson, die den Steppke angetrieben hat? Dies ist eben doch Syrien, und nicht eine Landschaftsidylle aus der Schweiz oder von der Schwäbischen Alb.

(Foto: EMS/Gräbe)

Es ist Mittagspause. Alle Kinder sammeln sich in der großen Halle der Kindertagesstätte. Klasse für Klasse nehmen sie Platz. Die Kinder breiten blaue Stoffhandtücher als Servietten auf den Tischen aus, dann wird gebetet: Ein einfacher, schlichter, aber von Herzen kommender Dank an Gott für diese guten Gaben und eine Bitte für andere Kinder, die nichts haben – so, wie es christliche und muslimische Kinder gemeinsam mitsprechen können. Jedes Kind bekommt Reis mit Linsen und etwas Hühnerfleisch auf den Teller, dazu Joghurtsoße und ein einfacher Salat, zum Nachtisch die frischen Orangen, die draußen gerade auf den Bäumen wachsen. Ich setze mich in einer Tischgruppe dazu, fühle mich wie ein Elefant unter Mäusen, und lasse es mir schmecken. Die Kinder um mich herum reden gerne mit mir. Ohne Ausnahme sind sie Flüchtlingskinder, beziehungsweise „Binnenvertriebene“. Sie stammen offenbar zum größten Teil aus Homs und Aleppo, aber auch aus Raqqa und aus dem weiterhin unter der Kontrolle der Rebellen befindlichen Idlib.

(Foto: EMS/Gräbe)

Es ist es ein wunderbares Projekt. Eine beachtliche Zahl an Kindern, zumeist inklusive ihrer Familien, hat hier Unterschlupf gefunden. Von ursprünglich 30 Kindern stieg die Zahl auf eine „Spitze“ von 95 vor zwei Jahren. Die jetzige Zahl von 70 ist das, was im guten Normalbetrieb bei Vollauslastung idealerweise machbar ist. In jedem Sommer der zurückliegenden fünf Jahre sind hier jeweils mehr als zwanzig gut stabilisierte Kinder abgegangen; trotz prekärer Schulsituation in dieser von Binnenflüchtlingen überlaufenen Region fand der überwiegende Teil der Kinder anschließend Aufnahme an regulären Schulen. Inzwischen ist nach Auskunft meiner Gesprächspartner erstmals der Punkt erreicht, an dem es den syrischen Regierungsbehörden wieder gelingt, tatsächlich alle Kinder im Wadi Nasara (inklusive der Binnenflüchtlinge) regulär zu beschulen. Unter großen Anstrengungen und nicht idealen Bedingungen zwar (in der Regel deutlich über 40 Kinder pro Schulklasse) – aber immerhin. Damit ist übrigens einer der zentralen Indikatoren für den Erfolg des Projektes erfüllt: dass kein Kind auf der Straße bleibt. Freilich ist damit für das syrische Regime noch ein anderes Interesse verbunden: Assad möchte Normalisierung demonstrieren. Und Binnenflüchtlinge, die aus den von der Regierungsarmee gehaltenen oder zurückeroberten Gebieten stammen, mögen doch bitteschön recht bald dorthin zurückkehren.

(Foto: EMS/Gräbe)

Die Stabilisierung, die durch das Projekt erreicht wurde, betrifft übrigens nicht nur die Kinder, sondern auch die Lehrerinnen und Erzieherinnen. Auch sie sind durchweg Binnenflüchtlinge und haben erst durch die Arbeit hier wieder einen Rhythmus für ihr Leben (sowie ein kleines Einkommen) gefunden. Dabei haben sie alles dafür getan, die "richtigen" Kinder zu erreichen - nämlich die, bei denen die Not am größten ist. Und sie arbeiten unglaublich kompetent und engagiert.

Uwe Gräbe, Verbindungsreferent Nahost der EMS und Geschäftsführer des EVS

Termine

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