09.03.15 | Aktuelles, Drei Fragen an

Drei Fragen an...

die Freiwillige Rutsuki Sato aus Japan, die 2011 die Dreifachkatastrophe hautnah miterlebte

Die junge Japanerin Rutsuki Sato nimmt derzeit am Süd-Nord-Austausch des Ökumenischen FreiwilligenProgramms der EMS teil. (Foto: EMS/Hilton-Ganter)

Rutsuki Sato ist Mitglied der Vereinigten Kirche Christi in Japan. Derzeit absolviert sie einen Freiwilligendienst im Ökumenischen FreiwilligenProgramm der EMS. Dieser Dienst hat sie in den Kindergarten der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Karlsruhe geführt. Zum 4. Gedenktag der Dreifachkatastrophe von Fukushima haben wir Rutsuki Sato, die in der Nähe gelebt hat, dazu befragt.

Wie haben Sie den 11. März 2011 in Erinnerung? Wo waren Sie, als sich die Katastrophe ereignete und wie haben Sie davon erfahren?

Ich kann mich nicht genau an alles erinnern, weil ich damals so unter Schock stand. Zur Zeit des Unglücks war ich in einem CD-Laden in Koriyama in der Nähe des Bahnhofs. Auf einmal hörte ich einen lautes Geräusch und der Boden bebte. Aus den Regalen fielen CDs herab. Ich ging nach draußen zum Busbahnhof, zu dem viele Menschen kamen. Ich erinnere mich, dass in den Gesichtern der Menschen um mich herum die Angst stand. Vom Busbahnhof ging ich zurück zu meiner Familie in Koriyama. Zusammen fuhren wir zum Haus meiner Großeltern in Nigata, um dort Schutz zu suchen. Das Haus meiner Familie blieb vom Tsunami verschont, da wir nicht zu nah am Meer lebten. Aber das ganze Geschirr und einige Möbel sind kaputt gegangen. Meine Familie lebte danach noch für ein Jahr in Koriyama. Als mein Vater eine neue Arbeitsstelle gefunden hat, zogen wir um.

Wie hat sich die japanische Gesellschaft nach der Katastrophe geändert? Hat sich die Haltung gegenüber der Atomkraft verändert?

Zuerst möchte ich sagen, dass ich hier nur meine eigene Meinung wiedergebe. Ich bin mir nicht ganz sicher wie die Einstellung der Gesellschaft ist. Aber ich glaube, dass viele Menschen heutzutage gegen Atomkraftwerke sind. Ich hoffe, dass diese Kraftwerke bald geschlossen werden. Die Region um Fukushima hat viel Geld von der Firma TEPCO erhalten, als dort neue Kraftwerke gebaut wurden. Aber nach der Katastrophe haben die meisten Menschen die Gegend verlassen. Meine Schwester musste nach der Katastrophe sogar im Sommer mit langen Ärmeln und langen Hosen in die Schule gehen, um sich vor der radioaktiven Strahlung zu schützen. Und meine Mutter verbot mir, Wasser aus dem Wasserhahn zu trinken oder mit dem Regen oder Pfützen in Berührung zu kommen. Solange wir in Fukushima lebten, haben wir nur noch abgefülltes Wasser gekauft. Ich kann verstehen, wenn Menschen denken, dass wir übertreiben, aber so war unser Leben in Fukushima.

Von wem kam Unterstützung in dieser schweren Zeit?

Die Kirche hat uns sehr viel geholfen. Sie haben uns Nahrung und Wasser geschickt und Kleidung für die Menschen, die ihr Hab und Gut verloren hatten. Bis heute bieten sie Ferien für Kinder in Gegenden ohne radioaktive Strahlung an. Sie stehen den Menschen in den Notfallunterkünften bei, die dort noch vier Jahre nach der Dreifachkatastrophe leben müssen. Manche Kirchen haben auch Anlagen, die die Strahlungsbelastung messen. Dort kann man die radioaktive Strahlung seines Essens, seines Blutes oder Urins testen lassen, um die Kontamination des eigenen Körpers zu erfahren. Manche Universitäten bieten interreligiöses Training, um den Menschen in Fukushima beratend zur Seite zu stehen, und die Pfarrer meiner Kirche helfen, indem sie dort Unterricht geben oder selbst geschult werden.

 

Das Interview führte Annika Hilton-Ganter.

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