13.06.16 | Aktuelles, Drei Fragen an

Drei Fragen an...

Pfarrer Dr. Santanu K. Patro – für ihn heißt, Theologie zu praktizieren, Theologie zu leben
Dr. Santanu K. Patro

Im Juni besuchte Dr. Santanu K. Patro die EMS Geschäftsstelle. (Foto: EMS/Heiligers)

Im April 2013 wurde Pfarrer Dr. Santanu K. Patro zum Registrar des Senats des Serampore College in Indien gewählt. Der Pfarrer aus einer Dalit-Familie arbeitete unter anderem für World Vision in Indien, bevor er sich der theologischen Ausbildung widmete. Für ihn gibt es nicht nur eine Form der Theologie, sondern unterschiedliche Theologien, die vom Kontext jedes Einzelnen abhängen.

Inwiefern ist die theologische Ausbildung innerhalb Indiens relevant?

Meiner Meinung nach ist indische Kontext ein pluralistischer Kontext. Ein Sechstel der Weltbevölkerung lebt in Indien. Wir haben hier alle Religionen: Hinduismus, Buddhismus, das Christentum, den Islam und viele mehr. Etwa zwei Prozent der Inderinnen und Indern sind Christen. Wir, das Serampore College, repräsentieren die gesamten protestantischen Kirchen in Indien. Momentan gehören 56 Hochschulen zum Serampore College. Obwohl wir eine Minderheit sind, ist unsere Gemeinde hörbar. Wir haben eine Stimme, die wir gegen Diskriminierung, Gewalt und für die Gleichheit aller Menschen erheben sollten.

In unseren Hochschulen schauen wir uns nicht nur die verschiedenen Formen der christlichen Theologie an. Wir unterrichten über andere Religionen, denn wir sind davon überzeugt, dass es in einer pluralistischen Gesellschaft für das Zusammenleben von großer Bedeutung ist, dass wir uns untereinander verstehen. Als ich ein Student war, habe ich mich besonders für den Hinduismus und den hinduistischen Feminismus interessiert. Für mich als christlicher Theologe, war dies eine sehr bereichernde Erfahrung. Außerdem behandeln wir in unseren Hochschulen auch gesellschaftliche Fragen und Themen wie zum Beispiel AIDS oder Menschenrechte.

Wenn man sich die indische Gesellschaft anschaut, nimmt man derzeit neue Formen der Demokratie und ökonomische Herausforderungen wahr. 1,2 Milliarden Menschen leben in Indien: Etwa 400 bis 500 Millionen gehören zur indischen Mittelschicht. Doch über 600 Millionen Inderinnen und Inder haben immer noch nicht genug zu essen. Was ist die Rolle der Kirche in dieser Gesellschaft? Sollen wir die Marktwirtschaft unterstützen, die unser Ökosystem zerstört? Oder sollen wir unser Hauptaugenmerk lieber auf die Minderheit richten, die keine Freiheit hat, obwohl diese in unserer Verfassung verankert ist? Für mich steht die Theologie immer auf Seiten der Armen.

Wie wird die theologische Ausbildung praktiziert? Was bedeutet, Theologie zu leben?

Theologie zu praktizieren bedeutet, Theologie zu leben. Wir versuchen, die Bedeutung der Theologie praktisch zu verstehen. Früher gab es an unseren Hochschulen nur klassische Fächer wie beispielsweise Neues und Altest Testament oder Dogmatik, die uns von den Missionarinnen und Philosophen gebracht wurden. Doch dann fragten wir uns: Welche Bedeutung haben diese Disziplinen für uns? Es entwickelte sich eine Bewegung, bei der die Menschen Theologie in ihrer Muttersprache betrieben. Das war ein Prozess der Integration, nicht der Übersetzung. Was wir die Theologie der Muttersprache nennen, hat die Theologie in einen anderen Kontext integriert. Wenn du dein Umfeld kennen lernst, beginnst du, Theologie zu leben und zu erfahren, wer Gott in deinem Kontext und in deiner Gesellschaft ist. Meine Erfahrung entfaltet sich rund um die Begegnung mit Gott und meiner Gesellschaft. Gott kann keine abstrakte Idee bleiben. Gott ist einer, der den Weg mit mir geht.

Indem die Studentinnen und Studenten Theologie praktizieren, helfen wir ihnen, zu verstehen, wer Gott in ihrem Umfeld ist. Sie leben und praktizieren Theologie und machen dadurch neue Erfahrungen. Sie gehen zurück in ihre Gemeinden und setzen das Gelernte um. Sie machen Exkursionen in alle Teile der Gesellschaft, wo sie verschiedene Theologien anwenden müssen. Dabei finden sie heraus, dass nicht alles, was sie in den Seminaren gelernt haben, für ihr Umfeld von Bedeutung ist. Das bedeutet, dass das Studium der Theologie ein Prozess ist, der nie endet. Deshalb reden wir nicht von einer Theologie sondern von Theologien, die von den Rahmenbedingungen jedes einzelnen abhängen. Darauf legt das Serampore College Wert. Theologie zu praktizieren, bedeutet für uns, dass wir das Abbild Gottes auf den Gesichtern unserer Mitmenschen entdecken.

Die EMS unterstützt viele Kirchen und ihre theologischen Aktivitäten. Wie sehen Sie den weiteren missionarischen Weg zwischen Kirchen in Indien und der EMS?

Wir lernen und erfahren gemeinsam, wie wir Theologie praktizieren können. Doch wir können  Theologie nicht zentralisieren - nicht in Indien und nicht weltweit. Wenn wir neue Kurse oder Kooperationen planen, müssen wir aufpassen, dass wir die Bedürfnisse der Kirchen nicht aus den Augen verlieren. Oft kommt es zu Missverständnissen, weil wir unsensibel sind. Und wir müssen uns fragen, ob wir mit unseren Partnern ausreichend kommunizieren.

Als Partner brauchen wir eine gute Kooperation und Begleitung: Begleitung bei Herausforderungen, Problemen und bei gemeinsamen Anliegen. Viele Missverständnisse entstehen aufgrund von vorgefertigten Meinungen, die die Menschen über den Norden oder Süden haben. Ich glaube, dass die Menschen viel mehr über den Süden erfahren müssen. Wenn ich nach Nordamerika oder Europa reise, bemerke ich wie gering das Wissen der Menschen über Indien ist. Viele Menschen kennen nur negative Berichte aus den Medien und wissen nichts über die positiven Entwicklungen der indischen Gesellschaft. Geschichten wie die, wo Hindus und Christen friedlich miteinander leben, sollten viel stärker hervorgehoben werden.

Das Interview führte Elisa Heiligers.

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