15.02.16 | Aktuelles, Unterwegs erlebt

Unterwegs erlebt...

Gabriele Mayer, Leiterin der Stabsstelle Gender in der EMS-Geschäftsstelle, erzählt von ihrer Begegnung mit einer Gruppe Mütter in Fukushima, Japan

Die gemalten Bilder der Mütter und Kinder in Fukushima geben die Erlebnisse und Emotionen der Betroffenen wieder. (Foto: EMS/Mayer)

Der Treffpunkt ist ein kleines Gebäude, das der nationale Weltbund Christlicher Frauen (YWCA) angemietet hat. Auf dem Weg von der Bahnstation überlege ich, wie sich die Sprachbarriere zwischen uns wohl überwinden lässt und ob die Mütter, die ich gleich treffen werde, überhaupt bereit sind ihre Erlebnisse und Herausforderungen mit einer Fremden wie mir zu teilen. Ich begleite Sabine Kluger, die als Ökumenische Mitarbeiterin der EMS in Japan tätig ist. Sie kennt die Gruppe bereits. Die Frauen treffen sich regelmäßig. Vor einiger Zeit hat ihnen Sabine Kluger Englischunterricht gegeben. Nun kommen sie wieder zusammen, um den Kurs fortzusetzen und um ihre Sorgen mit anderen zu teilen.

Es regnet, als wir ankommen, und die Kinder dürfen nicht draußen spielen. Die Frauen wissen, dass bei Regen die radioaktive Strahlenbelastung höher ist und daher sind sie alarmiert und versuchen, ihre Kinder nicht noch mehr Strahlung auszusetzen. Es ist sehr belastend, weiterhin in diesem Gebiet zu leben. In den Gesprächen lerne ich, wie herausfordernd es ist, Kinder in dieser radioaktiv verstrahlten Region großzuziehen. Auch wenn die Dreifachatastrophe im März 2011 schon einige Jahre zurückliegt, sind die Folgen immer noch zu spüren.

Malen als Türöffner

Wir haben einige Kinderbücher mitgebracht, in denen die Schöpfungsgeschichte erzählt wird, und laden die Kinder und die Erwachsenen ein, die Bilder darin weiterzuentwickeln. Die nächste Viertelstunde malen und zeichnen, grübeln und flüstern wir miteinander und betrachten die Bilder unserer Nachbarn. Danach tauschen wir uns aus, erklären in wenigen Worten und mit Händen und Füßen unsere Bilder.

Ein achtjähriges Mädchen hat ihren Lieblingsberg in der Nähe ihres Heimatdorfes gemalt. Zwei Jugendliche aus ihrem Sommerlager stehen auf dem Gipfel und versprechen sich anhaltende Freundschaft. Sie bewundert sie sehr und die Freundschaft scheint für sie auch die Zeit zu symbolisieren, in der sie der radioaktiv belasteten Region entfliehen konnte.

Die Welt als ein einziger Kampf präsentiert ein elfjähriger Junge: In seinem Bild ist sie in zwei verfeindete Lager gespalten. Ein Siebenjähriger bringt mit seinem Bild seine Angst vor dem Eingreifen der Russen und dem Fallen von Bomben in Syrien zum Ausdruck. Er hat leuchtend rote Farben für sein Bild gewählt und wir können seine starken Gefühle regelrecht spüren.

Die schwere Last fühlen

Eine Mitarbeiterin des YWCA erklärt: "Alle hier leiden unter starkem emotionalen Stress und die Atmosphäre ist angespannt. Unsere Gesellschaft sollte eigentlich ein Ort sein, an dem Kinder lächeln. Doch über allem liegt eine Traurigkeit." Wir diskutieren, ob die Katastrophe die Menschen verändert hat. Eine andere Mitarbeiterin sagt: "Viele Menschen sind noch immer in dem Stadium, wie kurz nach der Katastrophe; andere haben sich durch die Ereignisse nicht verändert."

Eine Mutter erzählt, sie hofft, dass ihre Kinder Fukushima verlassen und an einem anderen Ort, die Natur entdecken. An einem Ort, den sie sich selbst ausgesucht haben und nicht die Regierung. Sie träumt davon, eines Tages ihre Enkelkinder umarmen zu können - für diesen Traum kämpft sie jeden Tag. Für sie ist es ermutigend Freunde zu treffen, die auch hoffnungsvoll in die Zukunft blicken und Schritt für Schritt weitergehen. Sie wünscht sich so sehr, nicht nur jeden Tag mit den Folgen der Katastrophe zu kämpfen, sondern den tieferen Sinn des Ganzen zu verstehen. Solch ein starkes Erdbeben passiert nur einmal in tausend Jahren. Mit Gedichten versucht sie, ihren Mut nicht zu verlieren und, wie sie es ausdrückt, "über den Zaun in den Garten zu klettern". Sie hofft sehr, dass ihr täglicher Kampf nicht umsonst ist.

Nicht alleine zu sein, begleitet zu werden, gibt diesen Frauen neuen Mut und hilft ihnen, das Erlebte zu verarbeiten. Menschen zu treffen, die zuhören; Besucher zu empfangen, die auch Jahre danach an ihrem Schicksal interessiert sind; die Möglichkeit, für einige Zeit auch mal das radioaktiv belastete Gebiet zu verlassen und Menschen zu treffen, die ihnen mit Freundlichkeit begegnen, das hilft.

Was sie am meisten brauchen

Treffen mit Gleichgesinnten, finanzielle Unterstützung für vorbeugende Schutzmaßnahmen und Medien, die bereit sind das Risiko einzugehen und nicht nur die offiziell vorgeschrieben Version der Regierung zu berichten - das ist es, was die Menschen hier am meisten brauchen.

Gabriele Mayer

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