20.06.16 | Aktuelles, Unterwegs erlebt

Unterwegs erlebt...

mit Karina Schumacher, der ökumenischen Mitarbeiterin der EMS in Südkorea, auf dem Queer-Kulturfest in Seoul – wo Liebe und Toleranz auf Hass und Ablehnung trafen
Pride Parade Seoul

Die "Pride Parade" in Seoul war der Auftakt des 16. Queer-Kulturfests für die Rechte sexueller Minderheiten in Südkorea. (Foto: EMS/Taendler)

Mitte Juni findet in Seoul das 16. Queer-Kulturfest für die Rechte sexueller Minderheiten statt. Den Auftakt bildete eine "Pride Parade" - ein farbenfroher Umzug, der das Recht darauf, man selbst zu sein, demonstrieren soll.

In Korea ist Homosexualität nicht verboten, aber gesellschaftlich geächtet. Besonders konservative Christinnen und Christen machen lautstark und aggresiv Stimmung gegen sexuelle Minderheiten. Ein Anti-Diskriminierungs-Gesetz scheiterte maßgeblich an ihrem Widerstand. Erst kürzlich wurde der Antrag eines schwulen Paares auf Anerkennung ihrer Heirat abgelehnt. Als der Nationale Kirchenrat (NCCK) im Mai den schwulen Filmemacher KIM Jo-Kwangsu zu einer Diskussionsrunde einlud, wurde die Veranstaltung von christlichen Gruppen gestürmt und mit lautstarken aggresiven Gebeten so gestört, dass die Veranstaltung abgebrochen werden musste. Die wenigsten Homo-, Bi,- Inter- oder Transsexuellen trauen sich, ihre sexuelle Identität auszuleben. Die meisten können sich nicht einmal den eigenen Eltern oder engen Freunden anvertrauen, sie sind gezwungen eine Lüge zu leben, und leiden unter der Unterdrückung ihrer Identität. Die Selbstmordrate ist hoch.

Auch die Pride Parade wurde gesäumt von Hass-Predigerinnen und -Predigern. Laut und wütend, weinend und schreiend, flehend und fluchend, unflätig und aggresiv beschimpften sie die Teilnehmenden des Festivals der Lebensfreude. Ich frage mich, was Menschen dazu bringt, harmlose Minderheiten zu hassen und für diesen Hass sogar auf die Straße zu gehen? Gewalttätig zu werden? Straftaten zu begehen? Ob USA, Deutschland oder Korea - wovor haben "diese Menschen" so viel Angst? Was gilt es zu beschützen? Was geht es mich an, was diese Minderheiten glauben oder sind? Was genau macht sie so bedrohlich?

Die Schattenseite der Wettbewerbsgesellschaft

Sexuelle Minderheiten sind nicht die einzigen Zielscheiben des Hasses. Heute Morgen las ich einen Artikel in der Zeitung "Korea braucht ein psycho-soziales Sicherheitsnetz". In der bis auf die Spitze getriebenen Wettbewerbsgesellschaft bleiben Menschen zwangsläufig auf der Strecke. Der unterdrückte Hass auf etwas Ungreifbares wie "die Gesellschaft" nimmt zu und damit auch die Zahl der Gewalttaten. Ein Mann bringt seinen Kollegen um, weil dieser ihm respektlos erschien. Ein Restaurantbesitzer ersticht einen Gast, weil dieser sich über den Geschmack des Essens beschwert hatte. Diese Tötungsdelikte entspringen einem plötzlichen Wutausbruch und der Unfähigkeit, den eigenen Ärger zu kontrollieren.

Vor wenigen Wochen stach ein Mann auf der Damentoilette der U-Bahn Station in Gangnam (einem Szeneviertel) auf die erstbeste Person ein, die ihm begegnete, weil er sich von "Frauen allgemein" zurückgewiesen fühlte. Es folgte eine Welle der Solidarität, die unter anderem auch die Frage aufwarf, ob Frauen besonders gefährdet sind oder gesellschaftlich generell benachteiligt. Oder ob der Leidensdruck für Männer und Frauen nicht etwa gleich schlimm, nur anders verteilt ist. Einige Männer argumentierten, durch den Militärdienst gesellschaftlich erheblich benachteiligt zu sein.

50.000 Menschen bei Pride Parade
Mit 50 Teilnehmenden ist das Pride Festival im Jahr 2000 gestartet, in diesem Jahr kamen 50.000 Menschen auf den Straßen Seouls zusammen, um für die Rechte sexueller Minderheiten zu demonstrieren. (Foto: EMS/Schumacher)

Doch es ist nicht nur die Diskriminierung zwischen Männern und Frauen, die in der koreanischen Gesellschaft für Spannungen sorgt. Mindestens ebenso groß klaffen die Krater zwischen Jung und Alt, Arm und Reich, Arbeiter und Akademiker. Korea ist das Königreich der Bequemlichkeit, keinen Service den man sich nicht kaufen kann - wenn man es sich denn leisten kann. Sobald es am "nötigen Kleingeld" fehlt, wird jeder Tag zum Kampf ums Mithalten, ums Überleben. Da bleiben keine Kapazitäten, sich auch noch für andere zu interessieren oder sich mit ihrer Andersartigkeit, ihrer Einzigartigkeit auseinander zu setzen.

Und aus Ignoranz wird Intoleranz wird Hass wird Gewalt.

Doch es tut sich etwas in der koreanischen Gesellschaft. Das Seoul Pride Festival fand zum ersten Mal im Jahr 2000 statt. Damals mit 50 Teilnehmenden. Dieses Jahr waren es 50.000! Über 100 Organisationen boten Informationen, Snacks und Getränke, Sticker und Anstecker und viel viel gute Laune. Das Seoul Pride Festival 2016 war ein internationales, buntes und lautes Fest der Liebe und Lebensfreude, das auch von den hässlichen Parolen und Hassreden konservativer Homophober nicht wesentlich gestört werden konnte.

Karina Schumacher

Downloads und Links

Termine

23.02.19 , ejw Stuttgart
Afrika Tag 2019

Afrika - ein Fass ohne Boden?! mehr