07.06.17 | Aktuelles

Das neue "darum" ist da

Im Leitartikel zum Themenschwerpunkt "Melanesien" blickt Helge Neuschwander-Lutz auf die Kolonialgeschichte der pazifischen Inselgruppen
Titelseite darum 2-17

Das Inselverzeichnis Ozeaniens liest sich teilweise wie das Telefonbuch einer englischen Kleinstadt: Marshall, Baker, Clipperton, Cook, Heard, McDonald, Howland und so weiter. Da gibt es aber auch Namen wie Santa Cruz, Torres, Le Maire und es mischen sich auch ein paar deutsche Namen darunter, die sich früher einmal in das Namensverzeichnis eingetragen haben: Bismarck, Kaiser Wilhelm oder auch Doppelnamen wie Deutsch-Samoa. Die Kolonialgeschichte wird hier sichtbar.

Wer hätte geglaubt, dass Deutschland am anderen Ende der Welt sogar Land in Besitz genommen hat. Beschönigend wurden die Kolonien als "deutsche Schutzgebiete in der Südsee" bezeichnet. Was es außer eigenen Interessen da vor wem zu schützen gab, erschließt sich auch heute nicht. Rund 60 Jahre dauerte diese Globalisierung deutscher Interessen im Pazifik. Der Versuch, beim internationalen Expansionswettbewerb mitzuspielen, endete mit dem ersten Weltkrieg.

Nicht, dass sich dieses Engagement im Vergleich zu anderen kolonialen Eroberungen wirtschaftlich gelohnt hätte. Weit weniger als ein Prozent brachten die Südsee-Kolonien in die deutsche Außenhandelsbilanz ein. Auf den Inseln in Deutsch-Neuguinea, Deutsch-Mikronesien und den deutschen Samoainseln lebten um 1910 gerade mal 450.000 Einheimische und etwas mehr als 1.500 Europäer.

Das heutige Papua-Neuguinea ist ein Musterbeispiel für das Ausdehnungsbestreben. Die zweitgrößte Insel der Welt war zeitweilig zwischen England, Deutschland und den Niederlanden aufgeteilt. Eine fast gerade Linie von Norden nach Süden, die den Vielvölkerstaat noch immer in zwei Teile schneidet, zeigt die feinfühlige Vorgehensweise der damals neuen Landesherren. Im Westen die Niederländer, den Ostteil teilten sich Deutschland und England. Kaiser-Wilhelms-Land hieß der deutsche Teil. Erst die oft als koloniale Anhängsel gescholtenen Missionare nahmen sich der dort lebenden Bevölkerung an, brachten den christlichen Glauben, aber auch Bildung und medizinische Versorgung. Und sie blieben.

Melanesien von Müll bedroht
Nicht nur der Kampf um Ressourcen und der steigende Meeresspiegel bedrohen das Inselparadies, sondern auch die Unmengen an Müll, die das Meer an die Strände Melanesiens spült. (Foto: Sabine Minninger)

Der koloniale Anspruch auf die Region bestand weiter - mancherorts bis heute. Die Inselwelt wurde ausgiebig für Atombombentests der Franzosen und Amerikaner missbraucht, durch die pazifischen Gewässer zieht eine Armada von Schiffen, um die Fischgründe zu plündern, Bodenschätze werden rücksichtslos ausgebeutet und die Tropenholzwälder verschwinden langsam unter den Sägen der Profitgier.

Asiatische Länder wie China und Japan mischen heute bei dem Verteilkampf um die Ressourcen kräftig mit. Diese Ressourcen werden inzwischen auf den Inseln als Fluch wahrgenommen.

Die pazifische Welt wird häufig als Südsee-Idylle dargestellt. Und tatsächlich gibt es Inseln, die diesem heilen Bild entsprechen. Doch dieser Teil der Welt ist in Gefahr, wortwörtlich unterzugehen.

Der Meeresspiegel steigt und die Ursachen dafür sind offensichtlich. Es hat viel mit dem noch immer kolonialen Verhalten einiger Staaten und Konzerne zu tun, die bis heute ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten nur zum eigenen Vorteil nutzen.

Helge Neuschwander-Lutz

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