13.11.17 | Aktuelles, Unterwegs erlebt

Von einem Engel gesandt?

Eine wundersame Begegnung wartete auf EMS Nahost-Referent Uwe Gräbe bei seinem letzten Besuch der Johann-Ludwig-Schneller Schule. In einem Dorf nicht weit von der Schule entfernt wurde er erwartet
Blick vom Schuf-Gebirge im Libanon

Am Ende des christlich-drusischen Dorfes wartete eine alte Frau auf Uwe Gräbe. (Foto: EMS/Gräbe)

"Al-hamdullilah, Gott sei Dank, da bist Du ja endlich!"
Ich schaute mich um. War wirklich ich gemeint? Aber außer mir war da niemand, und die alte Frau, die von der Last der Jahre gebeugt vor mir stand, ließ keinen Zweifel daran: "Komm mit, ich habe auf dich gewartet!" Dabei fuchtelte sie mir mit einer Schere gefährlich nahe vor dem Bauch herum.

An einem arbeitsfreien Samstagvormittag im Libanon war ich von der Schneller-Schule aus die Straße hinunter spaziert, durch das christlich-drusische Dorf hindurch, am Hang des Schuf-Gebirges empor, bis dorthin, wo die Bebauung des Dorfes endete und nur noch einzelne Gehöfte verstreut in der betörend schönen Landschaft lagen. Die Sonne dieses goldenen Oktobers strahlte noch einmal mit aller Kraft vom Himmel, und schwitzend schritt ich geradeaus. Bis da diese Greisin vor mir stand.

"Was für ein großer Mann du bist! Wunderbar! Nun komm schon endlich mit!"
"Ila wheen?", fragte ich irritiert. "Wohin?" Wieder kam sie mir mit ihrer Schere bedenklich nahe. "Ich habe lange auf dich gewartet und gebetet, dass du endlich kommst. Yalla, nun komm schon. Ein Engel hat dich geschickt, großer Mann!"

Das war freilich ein Argument, gegen das ich kaum einen Einwand geltend machen konnte. Zögernd folgte ich ihr, während die gebeugte Alte voranschritt und dabei triumphierend ihre Schere in die Luft reckte. Im Hof hinter ihrem einsamen Häuschen stand ein großer Rosenstock. Fast alle Rosen daran waren bereits verblüht. Nur ganz oben auf dem Busch war eine letzte, prächtige Blüte gerade dabei, sich zu entfalten. Die Alte drückte mir die Schere in die Hand: "Die Rose hätte ich so gerne. Schneide sie mir bitte ab, großer Mann!" Ich musste mich recken, und Dornen zerstachen mir die Hände. Doch schließlich gelang es mir tatsächlich, die Rose abzuschneiden. "Danke, großer Mann!" Mit der Rose in ihrer Hand schenkte mir die Frau ein zahnloses Lächeln. "Gottes Engel hat dich geschickt, und du hast deine Arbeit gut gemacht."

Nachdenklich machte ich mich auf den Rückweg. Sollte Gott wirklich so handeln? Sollte mich Sein Engel wirklich auf diesen Weg geschickt haben, weil eine einsame alte Frau so gebetet hatte? Hier war ich wohl am Ende mit meiner Theologenweisheit. Wie gerne hätte ich ein kleines Stück von dem großen und so selbstverständlichen Glauben dieser Frau am Rande eines kleinen, libanesischen Dorfes.

Uwe Gräbe

Termine

22.11.17 , Meißen
Ostasien-Studientagung der Deutschen Ostasien-Mission DOAM

Gesellschaftliche Verantwortung und diakonisches Handeln. Was lernen wir voneinander in Südkorea und Deutschland? mehr

14.12.17 , EJW Tagungszentrum Bernhäuser Forst
Fachtagung Menschenhandel

"Gott sieht mich" - Theologische Reflexionen zu Menschenhandel mehr