16.01.17 | Aktuelles, Unterwegs erlebt

Unterwegs erlebt...

Die Religionswissenschaftlerin und Politologin, Katja Dorothea Buck, arbeitet als Redakteurin für das Schneller-Magazin. Auf einer Konferenz beobachtet sie eine emotionale Debatte zwischen Delegierten aus dem Nahen Osten und dem Westen – die Ökumene zwischen Hilflosigkeit und Frustration.
Diskussionen bei einer Konferenz in Beirut.

Auf einer Konferenz in Beirut diskutierten die Delegierten emotional über die Beziehungen zwischen den westlichen Kirchen und denen im Nahen Osten. (Foto: Buck)

Der Aufschrei kam unerwartet. Gerade war es auf dem Podium noch um das Brückenbauen zwischen dem Nahen Osten und dem Westen gegangen. Martin Pühn, im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zuständig für den Nahen Osten hatte gerade ausgeführt, dass in der deutschen Bevölkerung das Wissen über die Situation der Christen im Nahen Osten mit den Flüchtlingsströmen zugenommen habe. Da hält es Haroutune Selimian nicht mehr aus. "Ich will endlich Taten sehen und nicht nur Analysen hören", sagt der Pfarrer der Armenisch-Evangelischen Bethel-Kirche in Aleppo. Seine Gemeinde hat in den letzten Jahren zwei Drittel ihrer Mitglieder verloren, sei es durch Bomben oder durch Emigration. "Wir leben in einem Krieg. Die Menschen schreien nach Hilfe. Sie suchen nach einer Richtung. Was wir brauchen, ist nicht nur materielle Hilfe. Wir brauchen Christen, die sich uns wirklich verbunden fühlen."

Auch Munib Younan, der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, sowie Präsident des Lutherischen Weltbundes, nimmt kein Blatt mehr vor den Mund. "Politiker und Kirchen im Westen reden immer nur davon, wie besorgt sie seien über das, was im Nahen Osten geschieht. Wir können aber nicht erkennen, dass sie wirklich tätig werden", sagt er. "Wir erwarten von unseren Partnern weltweit, dass sie als Brüder und Schwestern an unserer Seite stehen."

Ratlosigkeit im Westen

Der scharfe Tonfall, mit dem nahöstliche Kirchenvertreter ihren westlichen Partnern die ökumenische Gesinnung absprechen, ist Ausdruck ihrer großen Enttäuschung und Frustration über das zögerliche Handeln der Kirchen im Westen. Was aber heißt es denn genau in Krisenzeiten wie den heutigen, als Geschwister Seite an Seite zu stehen? Darüber zerbrechen sich die Verantwortlichen in der kirchlichen Nahostarbeit in Deutschland schon lange den Kopf. Uwe Gräbe, Nahostverbindungsreferent EMS, ist ratlos und verweist auf den sogenannten Urgent Appeal, in dem die evangelischen Kirchen in Syrien und im Libanon vor gut zwei Jahren den Notstand ausgerufen und ihre Partner in der ganzen Welt um Hilfe gebeten hatten. "Wir haben immer wieder nachgefragt, was genau wir denn tun sollen, ob wir mehr Flüchtlinge aufnehmen sollen, uns für eine Militärintervention einsetzen sollen, ob es eine Schutzzone für Christen braucht oder wie wir denn sonst helfen können. Wir haben aber keine klaren Antworten bekommen", sagt er auf dem Podium in Beirut.

Gruppenfoto Die Teilnehmenden der Konferenz der Fellowship of Middle East Evangelical Churches in Beirut. (Foto: FMEEC/Badih Koudmani)

Allein diese Feststellung bringt viele Kirchenvertreter im Nahen Osten in Rage. So ist in der Kaffeepause zwischen den offiziellen Diskussionen mehrfach zu hören, dass man den Vorwurf, man könne nicht mit einer Stimme sprechen, nicht länger hinnehmen wolle - schon gar nicht von jemandem aus Deutschland. Gerade in deutschen Kirchen herrsche schließlich auch nicht immer Einmütigkeit. Und man selbst sei schließlich in der eigenen Existenz bedroht. Es sei unfair, die Schuld bei den Opfern der Krise zu suchen.

Empfindlichkeiten auf beiden Seiten

Doch welche Rolle können westliche Kirchen denn nun spielen? Um dies herauszufinden, müssen vermutlich erst einmal einige Missverständnisse auf beiden Seiten ausgeräumt werden und keiner kann das besser darlegen als Erzbischof Gabriele Caccia, Apostolische Nuntius im Libanon. Der gebürtige Mailänder lebt seit Jahrzehnten im Nahen Osten und kennt die Be- und Empfindlichkeiten auf beiden Seiten wie kein anderer. "Die Kirchen im Westen reagieren allergisch, wenn es darum geht, eine Gruppe zu privilegieren. Das verstehen die Christen im Orient nicht", sagt er. Die Christen im Nahen Osten sähen, dass die leidende muslimische Bevölkerung von anderen Staaten unterstützt werde, deren Hilfe allein den Muslimen zur Verfügung stehe und fragten sich, wer denn nun auf ihrer Seite steht. "Im Westen wiederum versteht keiner die Frustration der Nahost-Christen. Sie klopfen an die Tür des Westens und der versteht nicht einmal, warum sie an seine Tür klopfen", sagt Caccia.

Dialog zwischen den Kirchen in Nahost und dem Westen.
Die Kirchen im Nahen Osten sind vom zögerlichen Handeln der westlichen Kirchen enttäuscht. (Foto: Buck)

Angesichts dieses Dilemmas darf es nicht wundern, dass westliche Kirchenvertreter Dialog-Tagungen als Forum nutzen, um sich zu rechtfertigen und die nahöstliche Seite über die Zwänge aufzuklären, denen sie unterliegen; dass zum Beispiel öffentliche Gelder, die den Kirchen im Westen für ihre Arbeit zugeteilt werden, nach humanitären Kriterien und nicht nach Religionszugehörigkeit verteilt werden dürfen. Es braucht in der Tat einen langen Atem, um den Geschwistern im Nahen Osten verständlich zu machen, dass sie es nicht als Affront auffassen dürfen, wenn mit kirchlichen Geldern auch Muslime und andere Nicht-Christen unterstützt werden. Westler dagegen dürfen aber auch nicht vergessen, dass ihre Erklärungen zur Situation in den eigenen Kirchen noch keine Antwort auf die Frage nach der fehlenden "Schutzmacht" der Christen im Nahen Osten ist.

Missverständnisse sollen ausgeräumt werden

In Zeiten, in denen die einen von Krieg und Vertreibung betroffen und die anderen plötzlich mit einer Flüchtlingskrise konfrontiert sind, deren gesellschaftliche und politischen Folgen noch gar nicht absehbar sind, hat die Ökumene es offenbar schwer. Umso wichtiger ist es, Missverständnisse auszuräumen und sich gegenseitig Frustrationen einzugestehen. Und es kann auch heilsam sein, sich der langen Tradition des Brückenbauens zu erinnern, wie es Paul Haidostian, Präsident der Evangelisch-Armenischen Haigazian Universität in Beirut, bei der Konferenz getan hat. "Der Brückenbau bringt erst dann Früchte, wenn jemand bereit ist, über die Brücke auf die andere Seite zu gehen", sagte er. Auch im übertragenen Sinne bräuchten Brücken ein solides Fundament und auf beiden Seiten starke Pfeiler, wenn sie tragfähig sein sollen. "Partnerschaft bedeutet, sich in die Schuhe des anderen zu begeben. Wenn wir dazu nicht bereit sind, funktioniert sie nicht."

Katja Dorothea Buck

Termine

13.10.18 , Tagungsstätte, Vogelsangstr. 66a, 70197 Stuttgart
Indien-Partnerschaftsseminar

Tanz und Kultur: Ausdruck indischer Identität und christlicher Spiritualität  mehr