17.07.17 | Unterwegs erlebt

Unterwegs erlebt...

EMS-Generalsekretär Jürgen Reichel über eine besondere Begegnung beim Eröffnungsgottesdienst der Generalversammlung der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen

Die Generalsekretäre der koreanischen EMS-Mitgliedskirchen, Pfarrer BYUN (rechts) und Pfarrer LEE (links), lassen sich vor einem handgezeichneten Poster mit der Aufschrift "Schwerter zu Pflugscharen" fotografieren - ein schöne und bedeutende Erinnerung an Leipzig. (Foto: EMS/Reichel)

Gottesdienst in der Nikolaikirche Leipzig. Die friedliche Revolution in der DDR hat hier ihren Anfang genommen. "Für alle geöffnet" - dieser Slogan aus den 80er Jahren begrüßt bis heute die Besucher an der Eingangstür. Deshalb feiert die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen hier den Eröffnungsgottesdienst ihrer Generalversammlung.  Der reformierte Bundespräsident wird anschließend sprechen und hervorheben, dass reformiertes Christsein Demokratie geprägt hat. Im Gottesdienst werden Tonaufnahmen eingespielt werden, in denen die großen Massen der Montagdemonstranten skandiert haben: "Freiheit! Freiheit! Freiheit!". Da läuft es einem kalt über den Rücken. Wir wissen, dass die Panzer in Bereitschaft waren. Die Zellen für zehntausende von Inhaftierten waren vorbereitet. Und wir wissen, dass die Demonstranten es wussten, die Pastoren und die, die organisiert haben, dass die Montagebete stattfanden. Das Massaker auf dem Pekinger "Platz des Himmlischen Friedens" lag noch nicht lange zurück. Und so wie halb Europa erwartete, dass der mutige Luther auf dem Scheiterhaufen landen würde wie Jan Hus 100 Jahre vor ihm, konnte sich niemand vorstellen, dass die DDR ohne eine einzigen Schuss in sich zusammensinken würde.

Am Eingang treffe ich auf die Generalsekretäre der Presbyterianischen Kirche von Korea, Pfarrer BYUN, und der Presbyterianischen Kirche in der Republik Korea, Pfarrer LEE. Wir kennen uns gut. Sie stehen an die Rückwand des Kirchenschiffs gelehnt und unterhalten sich. "Das ist für uns ein großer Moment, hier in der Leipziger Nikolaikirche zu sein", sagen sie. "Wir halten auch jeden Montag Gebete ab. Für die friedliche Wiedervereinigung Koreas. Wir tun das wie die Ostdeutschen damals in der DDR. Montagsgebete. Wir geben die Hoffnung nicht auf, wie die Leipziger damals. Wir beten gegen alle Wahrscheinlichkeit. Wie in Deutschland damals bestimmen die Großmächte, ob wir uns wiedervereinigen können. Wir bitten Gott um seine Hilfe." Ich sehe genauer hin. "Haben Sie gemerkt, wo Sie stehen?", frage ich. Hinter den beiden, in einem Glasrahmen: Ein handgezeichnetes Poster "Schwerter zu Pflugscharen". Die muskelbepackte Statue des Schmiedes im Stil des Sozialistischen Realismus, die die Sowjets 1959 provokativ den Vereinten Nationen in New York geschenkt haben, ist hier ein bisschen ungelenk im bekannten roten Kreis abgezeichnet. Rundum läuft der Schriftzug "Schwerter zu Pflugscharen" aus dem Buch des Propheten Micha im 4. Kapitel. Die Christen in der DDR trugen das Emblem - denn wer wollte ihnen verwehren, ein Geschenk der Sowjetunion zu ehren? Sie aber bezogen sich auf die biblische Verheißung, an die sie trotz der Hochrüstung des Warschauer Pakts und der NATO glaubten. Auf Parkas und Trabbis - in den 80er Jahren konnte man die Verheißung des Propheten Micha, die die Sowjetunion in New York den USA vor die Nase gesetzt hatte, an vielen Orten sehen. Sie hat schließlich die feindseligen Systeme überwunden und Europa in seiner Mitte geöffnet.  "Das haben wir nicht gewusst", sagen Herr BYUN und Herr LEE. Stolz lassen sie sich vor dem Emblem fotografieren.

Jürgen Reichel

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