27.06.18 | Aktuelles, Drei Fragen an

Drei Fragen an...

drei südkoreanische Diakonieschwestern

Young Sook REE, Jion YUH und Ok Tae KIM betreiben in der Hafenstadt Mopko ein Alten- und Pflegeheim und kümmern sich darüber hinaus um sozial benachteiligte Menschen jeden Alters.

Acht junge Frauen gründeten 1980, noch zu Zeiten der Militärdiktatur, eine evangelische Schwesternschaft. Schon nach kurzer Zeit bekamen sie die Möglichkeit, in einem Tbc-Krankenhaus am südlichen Rand Südkoreas zu arbeiten, als Krankenschwestern, Seelsorgerinnen oder bei der Begleitung von Sterbenden. Im Interview erzählt die Mitgründerin der Schwesternschaft Young Sook REE, was sie immer wieder zu dieser großartigen Arbeit antreibt:

Warum ist Ihre Arbeit so dringend notwendig, Südkorea gehört doch zu den reichen Ländern mit einem hohen Lebensstandard?

Das stimmt, wir sind ein reiches Land, aber es gibt auch große Unterschiede. Durch die enge Verbindung von Wirtschaft und Politik klafft eine riesige Lücke zwischen Arm und Reich, viele Menschen fallen durch das soziale Netz, viele Familien leben am Existenzminimum, und um die kümmern wir uns: Kinder, deren Eltern sich die Schulspeisung nicht leisten können oder alte Menschen, deren Angehörige selbst zu wenig zum Leben haben. Das Rentensystem in Südkorea gibt es noch nicht so lange, und es hat noch viele Lücken, genauso wie das Gesundheitssystem. Basisleistungen werden zwar bezahlt, aber wenn es um Zahnbehandlungen oder gar Zahnersatz geht, dann sind sehr hohe Eigenleistungen gefordert, die sich viele Menschen einfach nicht leisten können. Und dann gibt es noch die Flüchtlinge aus Nordkorea, denen fast alles fehlt und um die wir uns natürlich kümmern, weil sie keine Angehörigen haben, die sie unterstützen können.

Das sind große Herausforderungen für Ihre kleine Schwesternschaft. Wie schaffen Sie das alles, was ist Ihr Antrieb, um immer weiter für diese Menschen da zu sein?

Ich stamme selbst aus einer armen Familie, musste oft hungrig zur Schule gehen. Meine Eltern wollten, dass ich am Musikunterricht teilnehme, aber ich bin lieber zum Sportunterricht gegangen. Nicht, weil mir das mehr Spaß gemacht hätte, sondern weil es dort eine kleine Mahlzeit für die Kinder gab. So habe ich schon damals begriffen, dass manchmal etwas Unterstützung wichtig ist, um sich entwickeln zu können. Was nützt die beste Schule, wenn man als Kind mit knurrendem Magen dem Unterricht nicht folgen kann? Das habe ich niemals vergessen, und dann kommt mein Glaube hinzu: Ich habe immer fest daran geglaubt, dass Gott mich dort einsetzen wird, wo er mich benötigt. Offensichtlich ist das genau hier, wo ich seit 38 Jahren arbeite, in unserer Schwesternschaft im Dienste der Ärmsten unserer Gesellschaft. Für uns als Christen ist diese Arbeit selbstverständlich, die Arbeit an den Nachbarn, den Nächsten, wie Jesus es uns aufgetragen hat. Das entspricht auch unserer koreanischen Tradition: Das „Wir“ ist bei uns wichtiger als das „Ich“, also war es für mich immer selbstverständlich, meinen Weg eng zu verknüpfen mit einem sinnvollen Dienst an der Gemeinschaft. Bei der Armen begegnen wir Gott, er hat uns aufgerufen, diesen Dienst zu leisten, wie wir es aus dem Gleichnis des barmherzigen Samariters kennen.

Was bedeutet es, als Christin in Korea zu leben, seinen Glauben sogar offen zu zeigen, gibt es Vorurteile oder gar Probleme im Alltag?

Zu Zeiten der Militärdiktatur war es nicht einfach, sich offen als Christin zu bekennen, obwohl 30 Prozent der Menschen in Südkorea Christen sind. Aber in vielen Gemeinden hat sich Widerstand gegen die Diktatur geregt: Widerstand gegen Willkür und Ungleichbehandlung, vor allem aber Widerstand gegen die massive Militarisierung unserer Gesellschaft. Den damaligen Machthabern galt daher jede christliche Gemeinde als suspekt, weil unsere Werte ihrer Politik entgegenstanden. Oft wurden wir Christen als „verkappte Kommunisten“ bezeichnet und uns wurde vorgeworfen, mit dem Regime in Nordkorea gemeinsame Sache zu machen, was natürlich Unsinn war, weil wir dort noch mehr unterdrückt wurden. Aber es hat sich viel verändert, seit Südkorea eine Demokratie ist. Die Religionsfreiheit wird wieder geachtet, und wenn wir für den Frieden oder die Wiedervereinigung Koreas beten, gelten wir nun nicht mehr als „Spinner, die sich vor den Propagandakarren der Kommunisten spannen lassen“. Im Gegenteil, viele Menschen nehmen an diesen Gebeten teil, auch wenn sie keine Christen sind. Wir treffen dabei auch viele Menschen, die sich Sorgen machen um die Entwicklung unserer Gesellschaft: Die Technik, die wir nutzen, hilft uns im Alltag, aber wir müssen aufpassen, dass sie uns nicht vollends beherrscht, dass wir als Menschen nicht irgendwann hinter dieser Technik zurückstehen müssen. Unsere christlichen Werte sind für viele Menschen eine Orientierung, damit sie ihren Weg als Menschen inmitten unserer hochtechnisierten Gesellschaft nicht verlieren.

Das Interview führte Jochen Hövekenmeier

Termine

13.10.18 , Tagungsstätte, Vogelsangstr. 66a, 70197 Stuttgart
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