27.01.20 | Aktuelles

Gedanken zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust

Aus der Mittagsandacht der EMS-Geschäftsstelle am 27. Januar

Das Lied „Donna Donna“ ist vielen aus meiner Generation vertraut. In der Version von Joan Baez war es eine der verbreiteten Melodien der Bürgerrechtsbewegungen in den 1960er Jahren, und noch in den 1970ern haben wir es oft auch in unseren kirchlichen Jugendgruppen gesungen: ganz romantisch am Lagerfeuer in Schweden zum Beispiel. Auf den ersten Blick ein harmloser Dialog zwischen einem Kalb und seinem Händler, der es zum Markt fährt. Ich erinnere mich gut, wie erschrocken ich als Jugendlicher war, als ich erfuhr, dass es sich hier ursprünglich um ein jiddisches Lied aus den 1940ern handelt, welches darauf anspielt, wie das jüdische Volk zur Schlachtbank geführt wird – wie ein gebundenes Kalb – und das schließlich nur noch zu Gott rufen kann: „Dona, Dona…“ – „Adonai, Adonai…“

Ein allzu leichtsinniger Umgang mit den Worten dieses Liedes ist vielleicht symptomatisch für den Umgang mit so vielen Worten, die wir oftmals machen, wenn wir der Shoah gedenken. Wie oft hören wir da: „Nie wieder“ oder „Wehret den Anfängen“. Machen wir uns, wenn wir solche Worte benutzen, bewusst, dass „Es“ schon längst wieder passiert, und dass wir bereits weit über die „Anfänge“ hinaus sind? Ich selbst bin bei Gedenktagen in Yad Vashem oft gefragt worden, warum auch in Deutschland die Judenfeindschaft allenthalben wieder ihr freches Gesicht zeigt. Bundespräsident Steinmeiner mag am vergangenen Donnerstag genau dies auch gefragt worden sein, und ich bewundere, wie er da die genau richtigen Worte gefunden hat:

„Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt. Aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten. Das kann ich nicht sagen, wenn jüdische Kinder auf dem Schulhof bespuckt werden. Das kann ich nicht sagen, wenn unter dem Deckmantel angeblicher Kritik an israelischer Politik kruder Antisemitismus hervorbricht. Das kann ich nicht sagen, wenn nur eine schwere Holztür verhindert, dass ein Rechtsterrorist an Jom Kippur in einer Synagoge in Halle ein Massaker, ein Blutbad anrichtet. Natürlich: Unsere Zeit ist nicht dieselbe Zeit. Es sind nicht dieselben Worte. Es sind nicht dieselben Täter. Aber es ist dasselbe Böse.“ (www.bundespraesident.de)

Neben der Lebendigkeit dieses Bösen gibt es eine weitere Schwierigkeit, mit der unser Gedenken konfrontiert ist: Das Gedenken ist längst Mainstream geworden. Natürlich gedenkt die Bundesregierung, gedenken alle ernstzunehmenden Politiker, gedenken die herausragenden Vertreter von Kunst und Kultur. Und auf der anderen Seite sind es manche derjenigen, die den Mainstream in Frage stellen, sich als scheinbare „Alternative“ anbieten, und die nun behaupten, die Jahre des abgrundtief Bösen seien doch nur ein „Vogelschiss“ gewesen – oder die in der Form einer scheinbar kultivierten Israelkritik nur das sagen, was sie gegen Juden schon immer mal sagen wollten, sich aber früher nicht zu sagen getraut haben.

Wir sollten dieses Auseinanderklaffen von „Mainstream“ und scheinbarer Alternative nicht auf die leichte Schulter nehmen. Denn wann immer etwas Mainstream wird, steht es auch in der Gefahr zu kippen. Auch die Fußballspieler von Bayern München und Schalke 04 haben sich unlängst hinter einem Schild mit dem Hashtag „We Remember“ aufgestellt. Dabei trugen manche der Bayern-Spieler um den Arm noch den schwarzen Trauerflor, den sie zum Gedenken an einen kürzlich verstorbenen Fußballfunktionär angelegt hatten, von dem man weiß, dass er einst Mitglied der Waffen-SS war. Schlimmer kann ein Mainstream-Gedenken wohl nicht kippen. (Bericht der taz)

Damit der Mainstream nicht kippt, gilt es, gegen alle Neigung zu leicht gesprochenen Worthülsen immer wieder genau die Inhalte der Worte zu reflektieren, die wir benutzen. Beispielsweise ist nicht jede Kritik an israelischer Politik antisemitisch. Manche Kritik an israelischer Politik ist (wie auch die Kritik an der Regierungspolitik anderer Staaten, der eigene eingeschlossen) sogar bitter nötig. Aber allzu oft kommt der Antisemitismus eben doch höflich verkleidet als gepflegte „Israelkritik“ daher. Und genau dies gilt es dann zu benennen und zu widersprechen. Denn die, die von solchem Antisemitismus betroffen sind, spüren oft sehr hellsichtig, wie es gemeint ist: als konstruktive Kritik oder als antisemitische Ersatzhandlung.

Als EMS haben wir uns zum aktiven (und das heißt: immer neu reflektierten) Eintreten gegen den Antisemitismus verpflichtet. In der Abschlusserklärung unseres internationalen Missionssymposiums in Bad Boll 2017 haben wir formuliert:

“(…) We agree that our Christian faith is deeply rooted in the Jewish faith: Jews and Christians are sharing important parts of their Holy Scriptures, and the ultimate hope in God’s Kingdom.  God’s calling of the church from different nations through Jesus Christ is strongly linked to God’s election of the Jewish people.  (…) We are called to fight anti-Semitism, hence making Jews feel safe and a part of our respective societies worldwide. (…) The Symposium participants recommend the following: (…) Fighting anti-Semitism and doing what-ever we can to make Jews feel safe wherever they live, promoting dialogue and encounter between Christians and Jews.”

Dies ist wohl das, was man sagen kann – in einer so bunten internationalen Gemeinschaft wie der EMS mit ihren 23 Kirchen und fünf Missionsgesellschaften auf drei Kontinenten. Wo im Kontext der einen diese ganze Debatte ganz weit entfernt zu sein scheint, wo der Kontext der anderen völlig vom israelisch-palästinensischen Konflikt geprägt ist, wo die Dritten in einem Kontext leben, in dem ein unreflektierter Antisemitismus selbstverständlicher Teil des Alltags ist, und wo die Vierten schließlich mit ihrer Geschichte des Antisemitismus ringen – da gilt doch zumindest dies: Juden und Christen gehören zusammen. Und deswegen müssen Christen dazwischen gehen und wiedersprechen, wo auch immer Juden als Juden angegriffen werden. Dazu gehört es auch, unsere eigenen Worte genau zu reflektieren. Das wollen wir tun: Wo wir inhaltlich Positionen beziehen, wo wir beten, und wo wir singen.

Uwe Gräbe

Termine

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