21.09.15 | Aktuelles, Unterwegs erlebt

Unterwegs erlebt...

Eine Mutter aus Koriyama berichtet über ihren täglichen Kampf, den sie noch Jahre nach der Dreifachkatastrophe von 2011 in der Präfektur von Fukushima führt

Neben den Wohnhäusern in der Fukushima-Präfektur liegt verstrahlte Erde auf dem Boden. (Foto: EMS/ Masami Kato)

Mit meinem Sohn war ich im Juli und im November 2013 in Yokohama und Kobe. Es war für uns nicht einfach ein kurzes Erholungsprogramm zu finden, denn mein Sohn besucht bereits die Mittelschule. Deshalb schätze ich das Second-House-Program der Young Women Christian Association (YWCA) sehr.

Vier Jahre sind seit der Dreifachkatastrophe vergangen. Trotzdem hat sich fast nichts in unseren Leben verändert. Ich kann immer noch keine Wäsche draußen aufhängen. Im Supermarkt schaue ich nach Lebensmittel, die außerhalb der Fukushima-Präfektur produziert wurde. Mein Sohn muss immer seine Atemschutzmaske tragen, um sich zu schützen. Er kann sich nur während den Ferien mental und physisch erholen. Meine Familie spart Geld, um an kurzen Erholungsprogrammen teilzunehmen. Die Dekontaminierung unseres Apartments wurde 2013 beendet. Aber die Dekontaminierung der Straßen vor unserem Haus hat erst im Januar 2014 begonnen.

Mein Sohn trägt immer ein kleines Dosimeter mit sich. Aber bislang können wir noch keine Veränderung der Strahlendosis feststellen. Mit meinen Nachbarn rede ich nicht über Dekontaminierung, Strahlung oder die Sicherheit der lokal produzierten Lebensmittel. Ich erzähle ihnen auch nicht, dass ich Produkte kaufe, die außerhalb Fukushimas produziert wurden. Auch von den Kurzaufenthalten im Erholungsprogramm, an denen wir teilnehmen, erzähle ich nicht. Mein Sohn erzählte mir, dass er manchmal gefragt wird, ob er eine Erkältung habe, weil er immer eine Grippeschutzmaske trägt. Seine Antwort auf die Frage ist immer "Ja". Er sagt, dass es unangenehm sei, stattdessen die Wahrheit zu sagen.

Ohne erkennbaren Fortschritt sind die Jahre ins Land gegangen. Ganz ehrlich - ich fühle mich sehr müde. Nichts hat sich geändert. Wir können nicht erkennen, wann diese Tragödie enden soll. Doch die Zahl der möglichen Kurzaufenthalte nimmt von Jahr zu Jahr ab. Werden wir in naher Zukunft noch solche Programme finden? Werden die Menschen außerhalb Fukushimas uns nicht vergessen? Werden sie sich an den Zwischenfall erinnern? Ich habe Angst, dass - sollten wir in Zukunft krank werden - die Menschen nicht erkennen werden, dass unsere Krankheiten mit der Strahlung zusammenhängen.

Diese schrecklichen Gedanken kommen mir immer wieder in den Sinn. Manchmal denke ich darüber nach, aus Fukushima wegzuziehen. Aber das ist nicht einfach. Es gibt so viele Dinge, die wir beachten müssen: Geld, unsere Jobs, die Schule, unsere Familien, unser Haus und unser Familiengrab. Wir können das nicht einfach so entscheiden.

Ich hoffe wirklich, dass die Menschen verstehen, warum wir die Kurzaufenthalte im Erholungsprogramm so dringend brauchen, denn sie mindern unsere Angst und Sorge. Für mich ist das Second-House-Program ein Hoffnungsschimmer. Ich hoffe, dass er nicht verschwindet, bis meine Familie wieder sicher leben kann. Mein Sohn wird die uns entgegengebrachte Unterstützung nicht vergessen und er wird diese Gnade mit großer Dankbarkeit an einem Tag in der Zukunft zurückzahlen.

Y.Y. aus Koriyama-Stadt

Die EMS unterstützt das Second-House-Program der Young Women Christian Association (YWCA) mit Mitteln der Württembergischen Landeskirche.

Termine

11.11.18 , Ev. Kirchengemeinde Ditzingen, Münchinger Straße2, 71254 Ditzingen (Konstanzer Kirche)
EVS-Mitgliederversammlung November 2018

Mitgliederversammlung und „Schneller-Fest“ des EVS in Ditzingen. mehr