13.12.19 | Aktuelles

Eindrücke aus dem Libanon während der Revolution

November/Dezember 2019

(Foto: EMS/Gräbe)

Zuerst erscheint es eher unwirklich. Der Märtyrerplatz im Herzen Beiruts, normalerweise von nicht abreißendem Straßenverkehr umspült, gleicht einem großen Ferienlager. Überall sind Zelte aufgestellt; in den meisten davon finden öffentliche Vorlesungen statt. Hier spricht eine Frau über das Grundrecht auf Wasser, an anderer Stelle preisen zwei Jugendliche den Tausch von Altkleidern als Mittel zur Müllvermeidung und Nachhaltigkeit an. Wo auch immer jemand die anderen an seinem Wissen teilhaben lässt, haben sich kleine Menschengruppen gebildet, hören zu, diskutieren angeregt, oder schlummern für ein paar Minuten – erschöpft von dem seit dem 17. Oktober anhaltenden Aufstand, der hier „Revolution“ genannt wird. Mittendrin einige Stellen, an denen Lebensmittel kostenlos oder gegen geringe Spenden abgegeben werden: „Matbakh al-Balad“, die „Küche des Landes“ – für alle die, die sich aufgrund der tiefen Wirtschaftskrise im Libanon und den nach all den Wochen der Demonstrationen gekürzten oder ausbleibenden Gehältern keinen Einkauf im Supermarkt mehr leisten können.

(Foto: EMS/Gräbe)

In einer Stadt, in der auch das kleinste Fleckchen Land mit den Bauprojekten großer Investoren belegt zu sein scheint, haben sich die Menschen den öffentlichen Raum zurückerobert: Über eine wackelige Metalltreppe steigen wir hinauf in das seit Jahrzehnten abgeriegelte „Ei“ am Rande des Platzes: ein kurz vor dem libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990) fertiggestelltes, einst futuristisches Betongebäude, welches einmal ein Kino beherbergen sollte, aber nun sein Schicksal als ewige Kriegsruine fristet und darauf wartet, entweder abgerissen oder Teil eines weiteren, neuen Gebäudekomplexes zu werden. „Wir weigern uns, diese letzten sichtbaren Spuren des Krieges und seiner Traumata einfach ausradieren zu lassen“, sagt ein junger Mann, während er in dem einstigen Kinosaal die Technik für ein Podium vorbereitet, auf dem über die Verdrängung eben dieser Traumata offen diskutiert werden soll. An der nackten Betonwand hinter dem Podium prangt ein Graffiti, welches ein Ende der Diskriminierung von Homosexuellen fordert – eigentlich ein enormer Tabubruch in der arabischen Welt, an diesem Ort des Aufstandes aber fast selbstverständlich.

Der Libanon ist wirtschaftlich am Ende. Die Staatsverschuldung ist mit rund 150 Prozent des Bruttoinlandsproduktes eine der höchsten der Welt. Der „konfessionelle Proporz“, ursprünglich einmal mit der guten Intention eingeführt, alle gesellschaftlich-religiösen Gruppen mit jeweils eigenen Vertretern an den politischen Prozessen zu beteiligen, wird seit Jahrzehnten dazu missbraucht, eine dünne Oberschicht mit „Pfründen“ zu versorgen, aus denen sich die meisten schamlos bereichert haben. Durch Dollarinvestitionen aus dem Ausland, für die sich der Libanon seit der weltweiten Wirtschaftskrise von 2008 als sicherer und profitabler Hafen angeboten hat, konnte der Kurs des Libanesischen Pfundes künstlich auf einer Höhe gehalten werden, die in keiner Weise der Wirtschaftsleistung des Landes entspricht: Die Zinsen auf Dollarkonten wurden größtenteils nicht im Lande erwirtschaftet, sondern aus den Neueinlagen bei den Banken finanziert, die wiederum durch hohe Zinsversprechen generiert werden konnten. Ein Schneeballsystem, das nun offenbar zusammengebrochen ist.

(Foto: EMS/Gräbe)

Im Sommer konnten die libanesischen Behörden die Waldbrände im Land nicht löschen, weil die Mittel zum Unterhalt der Löschhubschrauber offenbar in korrupten Kanälen versickert waren. Die jordanische Feuerwehr musste aushelfen. Und im Oktober war es dann eine eher wahnwitzige Idee der Regierenden, Haushaltslöcher zu stopfen, die das Fass zum Überlaufen brachte: Auf Telefonate über soziale Medien wie WhatsApp sollte nunmehr eine Steuer erhoben werden. Dies hätte vor allem die Ärmsten getroffen, die sich die Gebühren für einen regulären Telefonanschluss nicht leisten können. Fortan gingen die Menschen auf die Straße, legten das Land mit Blockaden und Streiks lahm und forderten deutlich einen Rücktritt der Regierenden. Der Schritt von Ministerpräsident Hariri, seinen Rücktritt anzukündigen, reichte nicht: „Alle heißt alle“, so lautete fortan das Motto der Demonstrationen.

Doch passiert ist seitdem auf politischer Ebene wenig. Einige Regierungskonsultationen hat es gegeben, zwei Alternativkandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten wurden ins Spiel gebracht – und wieder fallen gelassen. Sowohl die internationale Gebergemeinschaft als auch das Volk werden zunehmend ungeduldig, zumal die wirtschaftliche Lage immer unerträglicher wird. Inzwischen haben mehrere Familienväter Selbstmord begangen, die ihre Schulden nicht mehr bezahlen und ihre Familien nicht mehr ernähren konnten. Produkte, die aus dem Ausland importiert werden müssen, werden nunmehr zu schwindelerregenden Preisen angeboten. Eine Tube Zahnpasta für umgerechnet neun Euro, rechnet der Kollege aus der Gemeinde in Beirut uns vor.

(Foto: EMS/Gräbe)

Offiziell versucht die libanesische Zentralbank, am einmal festgelegten Wechselkurs von rund 1.500 Pfund für einen Dollar festzuhalten. Doch die Banken haben gar nicht mehr die Devisenbestände, um die Nachfrage zu einem solchen Kurs zu bedienen. Nur noch einige Hundert Dollar im Monat können von einem Devisenkonto jeweils abgehoben werden, und die privaten Wechselstuben verlangen rund 2.200 Pfund für einen Dollar. Würde der Wechselkurs freigegeben, so würde der Wert des Libanesischen Pfundes wahrscheinlich noch viel tiefer fallen. Seit einigen Tagen haben die Banken nun sogar die Auszahlungen in Pfund eingeschränkt.

Wie kann eine Einrichtung wie z.B. die Johann Ludwig Schneller-Schule in der libanesischen Bekaa-Hochebene unter solchen Bedingungen überhaupt existieren? Kinder aus armen und zerbrochenen Familien werden hier ganz überwiegend im Internat, an der Schule und in den Lehrwerkstätten aufgenommen; nur die wenigsten können Schulgebühren bezahlen. Die Einrichtung ist abhängig von Spenden aus dem Ausland – doch die liegen auf einem Bankkonto, auf das die Schule momentan nur in äußerst beschränktem Maße zugreifen kann. Wie kann es da gelingen, die 200 Menschen zu ernähren, die auf dem Campus leben – zusätzlich zu den rund 100 Kindern, die als Tagesschüler die Einrichtung besuchen?

„Wir haben damit begonnen, einen Teil unserer Lebensmittel selbst zu produzieren“, erklärt Pfarrer George Haddad, der Leiter der Einrichtung. So habe man sich mit einem Bauern zusammengetan, der die Milch liefert, aus der die Schulküche dann eigenen Quark herstellt. „Matbakh al-Balad“ – wieder einmal.

Der Weg zur Schneller-Schule führt durch den Beiruter Vorort Baabda, in dem der greise Staatspräsident Aoun seinen Sitz hat. Der Präsident hält nicht viel von den Demonstrationen. Die Politiker würden sich jetzt um die Probleme kümmern, so hat er einmal im Fernsehen erklärt. Und die Demonstranten mögen daher doch bitteschön nach Hause gehen. Jetzt sehen wir rechts und links der Straße große Ansammlungen offenbar aufgebrachter Menschen. Und dazwischen die Panzerwagen der Armee sowie Polizisten in Schutzausrüstung. Die einen sind gekommen, um die Anliegen der Revolution zu verteidigen – und die anderen stellen sich dagegen, um ihren Präsidenten zu beschützen. Die Sicherheitskräfte trennen die einen von den anderen. Unbehelligt fahren wir durch die Ansammlung hindurch. Kurz darauf ist die Straße gesperrt und mit brennenden Reifen blockiert.

(Foto: EMS/Gräbe)

Denn auch das gehört zur Realität hinzu: Zwar scheint die überwältigende Mehrheit der Demonstranten auf Seiten der Revolution zu stehen. Zwar haben sich zum ersten Mal seit langer Zeit die Menschen unterschiedlicher religiöser Herkunft gemeinsam unter der Flagge des Libanon versammelt: Schiiten und Sunniten, Drusen und Christen aus den katholischen, orthodoxen und protestantischen Kirchen. Sie haben es satt, sich ständig nach religiöser Herkunft einteilen zu lassen. Und doch gibt es auch die Kräfte, die die Revolution kritisch sehen. Dazu gehören vor allem die Parteigänger des christlich-maronitischen Präsidenten sowie die Anhänger der schiitischen „Partei Gottes“, der Hizbollah. Zu viel hätten sie zu verlieren, wenn das bisherige System abgeschafft würde. Mehrfach haben schiitische Schlägertruppen versucht, die Demonstrationen zu sprengen; Verwundete hat es gegeben – und in Einzelfällen auch Tote. Doch in der Regel war dieser Spuk bereits nach kurzer Zeit wieder vorbei. Auf dem Märtyrerplatz schweißt ein revolutionäres Künstlerkollektiv einen Phönix aus Metallstangen zusammen. Die Stangen stammen von den Zelten der Demonstranten, die von den Hizbollah-Schlägern zerstört wurden.

Die christlichen Kirchenoberhäupter haben sich bereits eine Woche nach Beginn der Revolution die meisten Forderungen der Demonstranten zu eigen gemacht, vor allem die Forderungen nach einem Ende der Korruption und einem Rücktritt der Verantwortlichen. Eine aufsehenerregende, geradezu prophetische Erklärung der Kirchen war das. Doch genau eine einzige Forderung wurde nicht in das Papier übernommen: Ein Ende des konfessionellen Proporzes können sich die Kirchenoberhäupter nicht vorstellen. Zu groß wäre die Gefahr, dass gerade die kleineren christlichen Gemeinschaften ihre Mitwirkungsmöglichkeit in der Gesellschaft verlieren würden, wenn ihnen nicht eine gewisse politische Repräsentanz garantiert würde. „Eine Abschaffung des über Jahrzehnte gewachsenen konfessionellen Systems ist nur nach einem langjährigen Übergangsprozess möglich“, so erklärt uns bedächtig der Leiter einer Kirche.

(Foto: EMS/Gräbe)

Für manche Geschwister im Ausland ist das zu wenig; forsch werfen sie ihren libanesischen Partnern deren angebliche Zaghaftigkeit vor. Doch wer kann sich wirklich in diejenigen hineinversetzen, die hier unter schwierigsten Bedingungen versuchen, ihre Gemeinschaften zusammenzuhalten? Und waren es nicht einige derjenigen, die jetzt so flott mit ihrer Kritik zur Hand sind, die noch kurz vor der Revolution das libanesische System als Modell des christlich-muslimischen Zusammenlebens gelobt hatten? In der christlichen Community vor Ort stellt sich die Debatte ohnehin komplizierter dar: Die Bistümer und Verwaltungseinheiten der meisten Kirchen umfassen den Libanon und Syrien; viele syrische Christinnen und Christen leben oder studieren im Libanon. „So hat es bei uns auch einmal angefangen“, so sagen einige von denen. „Und am Ende stand der Syrienkrieg mit der Verwüstung unseres Landes.“ Auch an der Near East School of Theology (NEST) in Beirut, einer protestantischen Ausbildungsstätte, blicken die syrischen Studierenden skeptisch auf die Revolution. Natürlich mag da auch die Frage mitschwingen, welche Auswirkungen es auf die Nicht-Libanesen haben mag, wenn sich nun ein ganzes Land euphorisch unter seiner Nationalflagge versammelt. Zudem: viele syrische Christen sehen es so, dass die Regierung Assad sie schützt. Und die Regierung Assad wird unter anderem auch von Kräften aus dem Libanon gestützt, die hier ganz offiziell gegen die Revolution sind. Man kann sich vorstellen, dass die Debatten zwischen syrischen, libanesischen und internationalen Studieren den an der NEST zuweilen unter die Haut gehen. Auch sechs deutsche Studierende sind momentan hier und lassen sich intensiv auf das ein, was ihre arabischen Kommilitoninnen und Kommilitonen denken und erleben.

Für einige Teile der ausländischen Community im Libanon ist die Situation ohnehin besonders schwer. Die „freiwillige Rückkehr“ von Flüchtlingen aus Syrien wird jetzt mit Nachdruck forciert. Und die philippinische Botschaft organisiert die Rückführung ihrer Staatsbürgerinnen, die zumeist als Hausmädchen im Libanon arbeiten: Aufgrund der Dollar-Krise ist es diesen Gastarbeiterinnen nämlich nicht mehr möglich, Devisen nach Hause zu schicken, um dort ihre Familien zu unterstützen.

Könnte es nun zu einem weiteren Bürgerkrieg kommen? Beispielsweise zu einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen der hochgerüsteten Hisbollah und der regulären Armee, die in den Augen der Gotteskrieger viel zu lasch mit den Demonstranten umgeht, ja, sich sogar schützend vor sie stellt? Ein hochrangiger deutscher Diplomat in Beirut winkt ab. Allein die Tatsache, dass die Revolution nun über Monate hinweg weitestgehend friedlich geblieben ist, spreche dafür, dass sich dies nun auch nicht ändern werde. Eine Verschärfung der Sicherheitshinweise oder eine Reisewarnung aufgrund der Revolution sei jedenfalls nicht geplant.

(Foto: EMS/Gräbe)

Als die Nacht anbricht, legt sich ein eigenartiges Klappern über Beirut. Auf den Balkonen der Hochhäuser schlagen Frauen mit Besteck auf Töpfe und Pfannen – eine weitere Form des Protests. Ein kleinerer Demonstrationszug eilt mit libanesischen Fahnen für einen kurzen Moment durch die engen Straßen des sonst so ruhigen Geschäftsviertels Hamra. Und auf dem Märtyerplatz wird wieder Essen von der „Matbakh al-Balad“ ausgegeben, für die, denen in der Krise keine materiellen Ressourcen geblieben sind. Und debattiert wird auch wieder, in den Protestzelten und im Betonskelett des einstigen Kinosaals. Für einen neuen, wirklich freien Libanon, ohne Korruption und konfessionelle Vetternwirtschaft. Für einen liebenswerten Libanon, nach dem sich alle hier sehnen.

Dr. Uwe Gräbe

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