15.10.19 | Aktuelles

„Diese dunkle Zeit wird vergehen“

Dr. Yakubu Joseph aus Nigeria zu Besuch in Stuttgart

Dr. Yakubu Joseph berichtet über die aktuellen Geschehnisse in Nigeria. (Foto: BMDZ/Dietrich)

Wo bitte liegt Nigeria? Die beiden älteren Damen mit dem Globus schauen sofort an der richtigen Stelle. Klar, denn sie sind zum Treffen der Basler Mission Deutscher Zweig (BMDZ) nach Stuttgart gekommen. Deren Partnerschaft mit dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas reicht 60 Jahre zurück. Von Dr. Yakubu Joseph gab es aktuelle Eindrücke aus erster Hand.

Ab 1959 zogen mutige junge Europäer nach Nigeria, ohne sie würde es heute die Kirche der Geschwister Nigeria (EYN) mit 2,2 Millionen Mitgliedern nicht geben. Die Funktionen dieser Europäer hat nun eine kompetente junge Generation aus Afrika übernommen. Zu dieser Generation gehört Dr. Yakubu Joseph: Fünf Jahre lang hat er in Tübingen gelebt und Soziologie studiert, hat dort zwar kein Schwäbisch, aber die Maultaschen schätzen gelernt. Heute spinnt der Turbo-Netzwerker im Auftrag der Basler Mission nicht nur Fäden zwischen Nigeria und Europa, sondern auch innerhalb seines Landes. „Die Basler Mission ist heute in Nigeria als NGO registriert, wir arbeiten mit mehreren Kirchen, mit anderen NGOs und Regierungsstellen zusammen. Es ist nicht die Zeit für Wettbewerb, sondern für Synergie.“ Und er spinnt Fäden innerhalb des afrikanischen Kontinents. „Mitarbeiter der Traumaarbeit sind zur Schulung nach Ruanda gereist. Vor kurzem war eine Gruppe aus Kamerun bei uns und hat die Sozial- und Traumaarbeit kennengelernt. Nun können sie ihren eigenen Leuten helfen. Frauen aus Nigeria haben die Frauenarbeit in Tansania besucht.“

Bei allem Leiden in seinem Land, ob durch Boko Haram oder religiös aufgeladene Landkonflikte, verliert Dr. Yakubu Joseph nicht die Hoffnung. „Nigeria ist meine Heimat. Die Menschen, die vom Leid betroffen sind, gehören zu mir, zu meiner Familie. Ich kann nicht weggehen und in Frieden leben. Ich will an Wiederaufbau und Heilung mitarbeiten. Diese dunkle Zeit wird vergehen und es wird Licht sein. Wir sind durch den Bürgerkrieg gegangen, so wie Europa durch den Krieg gegangen ist und nun Großes aufgebaut hat. Wir werden durch dieses Beispiel ermutigt. Wir können nicht aufgeben.“

Die Basler Mission unterstützt lokale Kirchen und NGOs als Partner. Dr. Yakubu Joseph schult die Partner im Projektmanagement. „Wir wollen, dass sie effektiv und nachhaltig arbeiten.“ Sein Land baucht nicht nur Geld aus dem Ausland. „Wir brauchen den Druck europäischer Regierungen auf die nigerianische Regierung, damit sie die richtigen Schritte unternimmt, unter anderem Frauen und Kinder beschützt.“

Früher hatten der Süden und der Norden von Nigeria nichts miteinander zu tun, doch das ändere sich. „Flüchtlinge kamen in den anderen Teil des Landes, das hat das Bewusstsein für die Nation verändert. Viele Kirchen im Süden unterstützen nun die Sozialarbeit im Norden. Eine Kirche aus dem Süden hat über 4000 junge Leute aus dem Norden aufgenommen und in die Schule gesteckt. Einige studieren inzwischen Medizin und Ingenieurwesen.“

Wie sieht Dr. Yakubu Joseph Europa, erfüllt ihn der zunehmende Nationalismus mit Sorge? „Nein. Diejenigen, die für Frieden arbeiten, sollten das Gespräch suchen. Die Ängste der Menschen sind echt. Mit diesen Ängsten muss man so umgehen, dass die universalen Menschenrechte geachtet werden. Die Deutschen waren einst selbst Flüchtlinge in anderen Ländern! Wenn du eine Mutter und ihr Kind leiden siehst, ist es egal, ob sie aus Balingen oder Aleppo kommen.“

Wenn ein Staat die Gewalt nicht stoppen kann, wenn das Leben wertlos wird, sieht Dr. Yakubu Joseph nicht nur einen „failed state“, sondern ein Versagen der ganzen Gesellschaft. Und eine Aufgabe der Kirchen: „Wir müssen uns um die Werte und die Köpfe der Menschen kümmern.“

Weiter um Nigeria kümmern will sich die Basler Mission als Teil der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS): Beim Treffen wurde eine Begleitgruppe für die Sozialarbeit in diesem Land gegründet. Die Kontaktpflege ist nicht immer einfach. Der Verantwortlichen für das nigerianische Friedensprogramm, Martha Mbaya Pilasar, wurde einen Tag vor dem Abflug zum Stuttgarter Treffen das Visum verweigert. Der Zweck ihres Aufenthalts, so die offizielle Begründung, sei nicht eindeutig.

Peter Deitrich