23.10.19 | Aktuelles

Naher Osten im Aufruhr – Augenzeugen berichten aus dem Libanon

Internationale EMS-Gemeinschaft an der Seite ihrer Mitglieder und Partner im Libanon und in Syrien.

Zusammen mit ihren libanesischen Kommiliton*innen strömten auch die SiMO-Studierenden in die Stadt (Foto: EMS/Leonhardt)

Der Aufstand im Libanon kam nicht nur für die deutschen Theologiestudenten überraschend: Zuerst war es am 17. Oktober ein Protest der Bevölkerung gegen eine Steuer auf WhatsApp-Telefonate, welche die Regierung des notorisch überschuldeten Zedernstaates einführen wollte. Obwohl dieses Gesetzesvorhaben rasch wieder abgeblasen wurde, wuchs daraus eine alle Religionsgruppen übergreifende Bewegung – „Revolution“ wird sie mittlerweile genannt – gegen Korruption, Vetternwirtschaft und die Ausplünderung des Staates durch eine Elite, die aufgrund eines rechtlich festgeschriebenen „konfessionellen Proporzes“ unfähig zu jeglicher Erneuerung erscheint.

Die Evangelische Mission in Solidarität (EMS), eine internationale Gemeinschaft von 23 Kirchen und fünf Missionsgesellschaften auf drei Kontinenten, ist mit den Menschen und Kirchen in der Region eng verbunden und erhält derzeit laufend Informationen von Menschen, die diesen Umbruch hautnah miterleben.

Mitgliedskirche der EMS im Libanon ist die (reformierte) „National Evangelical Church of Beirut“ (NECB) mit ihrem historischen Kirchengebäude und ihrem Pfarrhaus direkt gegenüber vom „Grand Serail“, dem Regierungssitz in Beirut. Von hier aus beobachtet Pfarrer Dr. Habib Badr das Geschehen unmittelbar vor seiner Haustür. Nachdem die Proteste am 18. Oktober für einige Stunden in Vandalismus umgeschlagen waren, konnten die Bewohner das Pfarrhaus tagelang nicht verlassen. Erst am 21. Oktober verschafften ihnen die Sicherheitskräfte die Möglichkeit, für zwei Stunden Lebensmittel einzukaufen. Badr sieht das Geschehen mit gemischten Gefühlen. „Wir Libanesen sind eins in unserer Forderung nach wirtschaftlichen und sozialen Reformen“, erklärt er. „Die Menschen haben das Vertrauen in die Politiker und ihre Versprechungen verloren.“ Doch wie die Zukunft aussehen solle, darüber bestünden durchaus gegensätzliche Vorstellungen. Deswegen bestehe auch keine Garantie, dass der Aufstand ein gutes Ende nehmen werde. Aber auch näherliegende Sorgen treiben Badr um: Erstmals seit 1998 (dem Jahr, in dem das Kirchengebäude nach den Zerstörungen des von 1975-1990 währenden libanesischen Bürgerkrieges wiederaufgebaut worden war) konnte am Sonntag, dem 20. Oktober, in seiner Kirche kein Gottesdienst stattfinden. Und zu befürchten ist, dass auch der für den 27. Oktober geplante Reformationstags-Gottesdienst ausfallen muss. Eigentlich hätte da das 150-jährige Bestehen der evangelischen Kirche im Libanon gefeiert werden sollen!

Anders sehen es die jungen deutschen und schweizer Theologiestudierenden, die über das „Studium im Mittleren Osten“ (SiMO), ein interkulturelles Studienprogramm der EMS, für zwei Semester an die „Near East School of Theology“ (NEST) in Beirut entsandt wurden. Zuerst herrschte unter ihnen große Unsicherheit, wie die brennenden Barrikaden rings um das ruhige Stadtviertel der Hamra, in dem die NEST gelegen ist, einzuschätzen seien. In enger Abstimmung mit den Verantwortlichen der Hochschule war für die EMS hier zunächst sicher zu stellen, dass die jungen Leute selbst nicht an Leib und Leben gefährdet sind. Als jedoch am 21. Oktober der libanesische Ministerpräsident Hariri vor die Presse trat, um weitreichende Reformen zu verkünden und zu versichern, dass er die Sicherheitskräfte angewiesen habe, nicht gegen die Demonstranten vorzugehen, da gab es kein Halten mehr: Zusammen mit ihren libanesischen Kommilitoninnen und Kommilitonen strömten auch die SiMO-Studierenden in die Stadt, um hier ganz unmittelbar den „frischen Wind“ der Revolution mitzuerleben und an den Hoffnungen und Träumen der Demonstrierenden teilzuhaben.

Bei alledem mahnt eine Dozentin der NEST zur Vorsicht: „Mir erscheint diese Revolution zu unorganisiert. Welches gemeinsame Ziel gibt es denn – über den Rücktritt der jetzt regierenden, korrupten Elite hinaus? Und wird es uns gelingen, irgendwelche Strukturen aufzubauen, um unsere Ideen umzusetzen?“

  • Foto: EMS/Tannen
  • Foto: EMS/Bressan
  • Foto: EMS/Pütz
  • Foto: EMS/Quade
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Aber nicht nur durch Beirut weht der Wind der „Revolution“, auch in den anderen Städten und selbst kleineren Orten gehen die Menschen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit in Massen auf die Straße. Unmittelbar betroffen ist davon auch die „Johann Ludwig Schneller Schule“ (JLSS) in der Bekaa-Hochebene. Diese Schule mit Ausbildungswerkstätten und Internat für Kinder aus zerbrochenen Familien und vom Rande der Gesellschaft ist sowohl über ihre Trägerkirche, die NECB, als auch über den Evangelischen Verein für die Schneller-Schulen (EVS), eng mit der EMS verbunden. Auch direkt vor dem Schulgelände habe es Demonstrationen gegeben, so erklärt der Direktor der Einrichtung, Pfarrer George Haddad. Zunächst hätten die Erzieherinnen und Erzieher im Internat praktisch 24 Stunden Dienst getan, um für die Kinder da zu sein. Doch dann sei die Anordnung der Behörden an alle pädagogischen Einrichtungen der Region ergangen, dass aus Sicherheitsgründen alle Kinder nach Hause zu schicken seien. Kurz darauf war auch die Hauptstraße nach Chtoura, der nächstgelegenen größeren Stadt, blockiert. Trotz solcher Einschränkungen hat Haddad viel Verständnis für die Protestierenden. „Unser ganzes politisches System ist korrupt“, erklärt er. So werde auch rings um die Schule herum immer wieder zwischen den großen politischen Interessengruppen in einer Weise mit Grundstücken gehandelt, die wohl kaum als legal zu bezeichnen sei.

Andere wiederum haben ganz andere Sorgen: Adon N. stammt aus Syrien. Bis zum vergangenen Sommer hat er an der NEST in Beirut Theologie studiert. Ein Höhepunkt war für ihn, als er gemeinsam mit zwölf anderen syrischen und libanesischen Studierenden und Lehrenden im vergangenen April an einer von der EMS organisierten, internationalen Konferenz in Göttingen und Höxter teilnehmen durfte. Erst im August hatte er dann seine erste Stelle als Diakon (bei uns würde man dazu wohl Vikar sagen) in der Kirchengemeinde von Malkiyeh angetreten. Malkieyeh liegt im mehrheitlich kurdischen Nordosten Syriens, am Rande jenes Streifens, den die Türkei seit ihrem Einmarsch am 9. Oktober als „Sicherheitszone“ beansprucht. Zu dem Zeitpunkt befand sich Adon zufällig wieder einmal auf einer Dienstreise in Beirut – und nun war ihm der Rückweg in seine Gemeinde versperrt. Dabei hatte in Malkiyeh vor dem türkischen Einmarsch eine solch positive Entwicklung begonnen, erinnert sich Adon: „Die Stadt wimmelte von Demonstrationen für politische und gesellschaftliche Reformen. Die Menschen in Malkiyeh konnten nicht ahnen, dass der fragile Frieden, in dem sie lebten, kurz davor stand, gebrochen zu werden.“ Jetzt fühle er sich wie ein „Gefangener“ in Beirut, wo es nun ganz ähnliche Demonstrationen gebe wie die, die er kurz vor der jüngsten Katastrophe in Malkiyeh erlebt habe. Er bete jeden Tag dafür, dass er so schnell wie möglich in seine Gemeinde zurückkehren dürfe. - Kurz darauf hatte er es immerhin bis in die syrische Hafenstadt Latakia geschafft. „Was muten wir unseren jungen Absolventinnen und Absolventen der Theologie nur zu?!“, fragt Prof. Dr. George Sabra, der Hochschulpräsident der NEST.

Eine ist tatsächlich im nordsyrischen Kriegsgebiet geblieben, und auch sie hatte noch vor wenigen Jahren Theologie an der NEST studiert: Im Jahr 2015 hatte die EMS ein Video über das SiMO-Studienjahr an der NEST produziert (man kann es sich noch auf der EMS-Homepage anschauen) und dazu neben den deutschen Austauschstudierenden auch die syrische Christin Mathilde S. interviewt. In dem Video sprach Mathilde davon, wie es für sie sei, schon bald in einer syrischen Gemeinde Dienst zu tun: „Ich werde für eine Gemeinde verantwortlich sein, die Gemeindeglieder jeden Tag sehen und bei ihnen sein. Dazu muss meine Liebe zu diesen Menschen jeden Morgen, wenn ich aufwache, da sein.“ Vor wenigen Tagen nun erreichte uns die Nachricht ihrer Kirchenleitung: Mathilde tue seit einiger Zeit Dienst in der Stadt Qamishli, einem der am schlimmsten von der türkischen Invasion betroffenen Orte. Dabei könne sie momentan nicht viel tun. Sie „mache einfach weiter damit, die Menschen in der Gemeinde zu besuchen und sie zu trösten, mit Gebeten und Ermutigung.“

All diese Informationsfäden – aus der Evangelischen Kirche in Beirut, aus der Near East School of Theology, von der Schneller-Schule und teilweise auch von unseren Freundinnen und Freunden in Syrien – laufen momentan in der EMS-Geschäftsstelle in Stuttgart zusammen. Nahostreferat und Leitung der Geschäftsstelle stehen per Telefon, WhatsApp und Email in ständigem Kontakt mit den Partnern vor Ort. Gerne steht das Nahostreferat der Presse für Rückfragen zur Verfügung oder vermittelt Gespräche mit den Partnern im Libanon. 

 

 

 

 

Veranstaltungshinweis

Im Rahmen des Jahresfestes des Evangelischen Vereins für die Schneller-Schulen (EVS) am Sonntag, dem 3. November, spricht Pfarrer George Haddad, der Direktor der Schneller-Schule im Libanon, um 13:30 Uhr zum Thema „Erziehung angesichts zunehmender Vielfalt: Herausforderungen und Chancen“. Dabei wird Haddad auch auf die aktuelle Situation im Libanon eingehen. Veranstaltungsort ist die Gaisburger Kirche in Stuttgart-Ost; der Eintritt ist frei.

Termine

22.02.20 , Paul Gerhardt Gemeindezentrum Stuttgart
Afrika Tag 2020

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