29.10.19 | Aktuelles

„Jeder will ein Gewehr“

Eric Fon klagt über die Gewalt in seiner Heimat Kamerun – Seine Kirche hilft humanitär, ist aber überfordert.

Das Foto zeigt Eric Fon, Vorsitzender der PCC Stuttgart und des deutschen Zweigs der Presbyterian Church in Cameroon (PCC) (Foto: BMDZ/Dietrich).

Eric Fon, Vorsitzender der Presbyterian Church in Cameroon (PCC) in Stuttgart und in Deutschland, sieht mit großer Sorge in sein Heimatland. Immer wieder versucht er vergeblich, auf die Gewalt, die Todesopfer und die Geflüchteten hinzuweisen. Aber wie? „Wir machen eine Demo, und die Presse kommt nicht“, bedauert er. Bei einem Treffen in Stuttgart bei der Basler Mission Deutscher Zweig (BMDZ) stand er Rede und Antwort.

„Er ist ein sehr großer Diktator“, sagt Eric Fon über Präsident Paul Biya. Er ist 86 Jahre alt und schon seit 1982 im Amt, allerdings laut Eric Fon mehr im Ausland als im eigenen Land, etwa im Luxushotel in Genf. Um seine Wiederwahl zu ermöglichen, hat er 2008 mal wieder die Verfassung geändert. „Die Wahlen in Kamerun waren nie fair und unabhängig. Es gibt eine Wahlkommission, aber alle Mitglieder werden vom Präsidenten ernannt“, sagt Eric Fon.

Um den Konflikt zu erklären, holt er kurz aus: West-Kamerun war britisches Mandatsgebiet, es wurde gemeinsam mit Nigeria verwaltet, der größere Osten war französisches Mandatsgebiet. Anfang der 1960er-Jahre stand der Westen vor der Wahl: „Ihr schließt euch Nigeria oder aber Kamerun an. Es gab keine Option, unabhängig zu werden.“ Es kam der Anschluss an den französischen Teil von Kamerun. „In der Verfassung wurde festgehalten, dass die föderale Struktur, ein Land mit zwei gleichberechtigten Teilen, für immer bleiben sollte. Der Präsident sollte einmal aus dem Osten, einmal aus dem Westen kommen. Englisch und Französisch sollten gleichberechtigte Landessprachen sein.“

Es kam anders: Der Präsident kam immer aus dem Osten, bei den Sprachen steht Englisch hintenan, in den Schulen genauso wie in der Justiz. Lehrer, die kein Englisch sprechen, unterrichten im englischsprachigen Landesteil in französischer Sprache, das sorgt für Unruhe. Einheimische berichten, wie es ihnen bei den Behörden in der Hauptstadt Yaoundé ergeht: Wer dort Englisch spricht, landet am Ende der Schlange.

1984 kam die Umbenennung der „Vereinigten Republik Kamerun“ in „Republik Kamerun“, wie der französische Teil zuvor alleine hieß. Die Kultur in beiden Landesteilen ist sehr unterschiedlich. Der Westen ist vom englischen Rechtssystem geprägt, dass sich auf Präzedenzfälle stützt, dem Common law, im Gegensatz zum Civil law im französischen Teil.

1996 wurde in der Verfassung eine Dezentralisierung vorgesehen, doch sie kam nie. 20 Jahre später begann im Westen, als Reaktion auf die Frankophonisierung, der Aufstand der Rechtsanwälte und Lehrer. Statt Dialog folgte immer mehr Gewalt. Einige nüchterne Zahlen: „Die Regierung hat von Soldaten mehr als 300 Dörfer niederbrennen lassen. Es gab 10 000 Tote und 7000 illegal Festgenommene.“ Zu den Flüchtlingen gibt es verschiedene Schätzungen, es sollen deutlich mehr als eine halbe Million sein. „Die Situation eskaliert. Es ist ein Genozid und niemand nimmt ihn ernst. Die Menschen werden immer radikaler. Jeder will ein Gewehr.“ Mit der Gewalt wuchs bei vielen das Verlangen nach Unabhängigkeit, mit der ursprünglich geplanten Föderation würden sie sich heute nicht mehr zufriedengeben.

Was ist von den ehemaligen Kolonialmächten zu erwarten? Es gebe nach wie vor starke französische Interessen, sagt Eric Fon, das zeige sich unter anderem an der Währung, dem CFA-Franc. „Frankreich unterstützt den Diktator, Deutschland zögert deshalb, die Engländer schlafen.“ Kameruner in Deutschland haben in Stuttgart und beim Auswärtigen Amt in Berlin demonstriert, waren bei der UNO in Genf, haben Petitionen übergeben.

Was die Kirchen direkt in Kamerun politisch bewirken können, da ist sich Eric Fon unsicher. „2017 haben katholische Priester der Regierung ein Dokument vorgelegt, wie das Problem gelöst werden könnte, aber nichts ist passiert.“ Die Kirchen in Kamerun taten sich zusammen und wollten eine Friedenskonferenz, auch die PCC hat wiederholt Vorschläge gemacht. Es gab aber nie die Möglichkeit zu Gesprächen.

Doch zumindest humanitär könnten die Kirchen helfen, sagt Eric Fon. „Viele Geflüchtete leben im Busch. Sie brauchen Medizin, Moskitonetze, Essen und Kleidung. Flüchtlinge aus dem Westen Kameruns leben in Nigeria ohne Unterkunft, ohne Zelte. Wir versuchen zu helfen, aber die Situation ist zu groß.“

Die Kirchen arbeiten in Flüchtlingscamps. Gemeindemitglieder nehmen Flüchtlinge auf. In einem Haus, wo zuvor vier Menschen lebten, sind es plötzlich mehr als 50. Manche Flüchtlinge verlassen ihre Dörfer und leben bei Verwandten, manche im Fußballstadion. Manche leben im französischen Teil des Landes. Die Flüchtlinge sind vielen Gefahren ausgesetzt, sie werden bedroht und zum Teil festgenommen.

„Es sind nicht die Menschen“, betont Eric Fon. „Wir haben frankophone Freunde, wir treffen sie, wir haben Freunde aus Nigeria. Aber die Propaganda der Regierung lehrt die Leute, die Anglophonen seien dumm, wertlos und minderwertig.“ Eine Nebenwirkung der Propaganda: „Manche frankophonen Kameruner staunen erst im Ausland, wie wichtig Englisch ist.“

Viele NGOs, sagt Eric Fon, dürften nicht ins Land oder nicht überall hin. Dadurch fehlten Kontakte. „Viele Regierungen anderer Länder verlassen sich auf die Information, die sie von der Regierung in Kamerun bekommen.“ Mit Geld aus dem Ausland, auch wenn anderes behauptet werde, werde jedoch der Krieg finanziert. „Ein Stopp der Finanzmittel würde helfen. Besser wäre es, das Geld über Kirchen und NGOs zu leiten.“

Kontakt:
Johannes Stahl, BMDZ, Tel. 0711/636 78 -25, jstahl@dont-want-spam.ems-online.org
Peter Dietrich, Freier Journalist, Tel. 07153/894 07 15, peter.dietrich@dont-want-spam.journalist-pd.de