22.08.16 | Aktuelles, Drei Fragen an

Drei Fragen an...

Gabriele Mayer, Leiterin der Stabsstelle Gender in der EMS-Geschäftsstelle
Gabriele Mayer

Vor 15 Jahren war es eine mutige Entscheidung des Missionsrats gewesen, die festverankerte Frauenarbeit politisch aufzuwerten und eine explizite Genderbeauftragung einzuführen: für die Verwirklichung von mehr Geschlechtergerechtigkeit sollten beide Geschlechter Verantwortung übernehmen. In unterschiedlichen Arbeitskreisen waren Frauen und Männer bereit, ein Gender-Mainstreaming in Programmen und Strukturen der EMS voranzutreiben. 2006 führte die EMS unter Beteiligung aller Mitglieds- und damals noch Partnerkirchen eine Gender Policy ein. 2010 folgte eine Evaluierung mit Fremdberatung. Inzwischen gibt die deutsch-englische Publikation "Mission und Gender" Einblick in zehn Jahre Genderpraxis der EMS-Gemeinschaft.

Frau Mayer, wie hat sich das Verständnis und die Wirkung von Gender in den vergangenen 15 Jahren verändert?

Gender-Diskurse haben sich aufgefächert und erstaunliche Wellenbewegungen in Gesellschaft und Kirche bewirkt. Neue Studiengänge sind inzwischen auch in Deutschland entstanden. Im Bereich der Theologie war die Auseinandersetzung um die Bibel in gerechter Sprache ein wichtiger Meilenstein. Und gleichzeitig kommen heute Vikarinnen und Vikare mit wenig inklusivem Sprachbewusstsein in die Gemeinde und stoßen längst überholt geglaubte Themen wieder an. In entwicklungspolitischen Zusammenhängen und Projektförderung hingegen ist die Beteiligung aller Geschlechter selbstverständlicher geworden.

Sie sprechen von allen Geschlechtern, was meinen Sie damit?

Viele Menschen wachsen mit der unhinterfragten Zweiteilung von Menschen in Männer und Frauen auf. Seit einigen Jahren wird jedoch deutlich, dass diese exklusive Trennung der Realität nicht gerecht wird. Manche lernen, strukturelle Ungleichgewichte in den sozialen Rollen zu sehen. Für unsere jungen Freiwilligen ist das beispielsweise während ihres Einsatzes im globalen Süden leichter erkennbar als Zuhause.

Zu Zeiten globaler Kommunikation, Migrationsbewegungen und neuer kultureller Pluralität ist wechselseitige Toleranz gefragt. Mit dem Wunsch, Vielfalt willkommen zu heißen, stellen sich jedoch neue Fragen - insbesondere wenn manche Formen der Vielfalt fremdartig und konträr zum Vertrauten anmuten. Hier sollten Missionswerke und internationale Gemeinschaften wie die unsere mit gutem Beispiel vorangehen. Denn Missionswerke erleben seit 200 Jahren kulturelle Bereicherung, wo sie Fremdem begegnen, sich annähern und befreunden. Auch wenn zeitweise euro-zentristische Beurteilungen zu Ungleichgewichten führ(t)en.

Gender ist mehr, als dass Männer Frauen helfen. Gender umschließt heute in internationalen Diskursen SOGIE: Sexual Orientation, Gender Identity, Gender Expression. In vielen Ländern ist dies eine Überlebens- und Menschenrechtsfrage und weitaus mehr als exegetische Streitigkeiten.

Welche Zukunftsvision haben Sie für die EMS-Gemeinschaft?

Ich wünsche mir, dass die Potentiale der Theologischen Orientierung weiter ausgeschöpft werden: dass Gerechtigkeit und Solidarität zwischen allen Geschlechtern und Generationen als mutiges Zeugnis gelebt wird, und dass respektvolle Räume ('safe spaces') gefördert werden, in denen sich Vielfalt ohne Angst zeigen darf.

Das Interview führte Corinna Waltz.

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