24.10.16 | Aktuelles, Drei Fragen an

Drei Fragen an...

Dr. Yakubu Joseph, der als Koordinator für Mission 21 in Nigeria arbeitet
Teilnehmende des EYN Fortbildungsprogramms mit Yakubu Joseph.

Nähmaschinen, Nahrungsmittel, Unterkünfte und Fortbildungsprogramme - die EYN unterstützt die Opfer von Boko Haram umfassend. (Foto: Yakubu Joseph/Mission 21)

Für die Basler Mission – Deutscher Zweig ist Dr. Yakubu Joseph ein bekanntes Gesicht. Bis vor zwei Jahren promovierte er in Tübingen über die aktuelle Lage in Nigeria und wirkte oft bei Veranstaltungen der BMDZ mit. Heute arbeitet er für Mission 21 als Länderkoordinator in Nigeria und ist ein wichtiger Ansprechpartner, um einen Einblick in die jüngsten Entwicklungen des Landes zu bekommen.

In den letzten Tagen gab es verschiedene Medienberichte, die verkündeten, dass 21 der entführten "Chibok Mädchen" freigelassen wurden. Können Sie uns dazu mehr berichten?

Die Befreiung dieser Mädchen gibt uns Hoffnung, dass auch die restlichen Mädchen bald nach Hause kommen. Die Auswirkungen, die die Entführung auf die jungen Frauen hatte, können wir noch nicht abschätzen. Wir gehen davon aus, dass ihre Resozialisierung ein langer und schwieriger Weg wird. Von den 21 entführten Mädchen, sind 20 Mitglieder der Kirche der Geschwister in Nigeria (EYN). In Abuja fand vergangenen Sonntag ein Dankgottesdienst für diese Mädchen statt, an dem der neue EYN Präsident, Pfarrer Joel Billi, teilnahm. Während des Gottesdienstes trafen die jungen Frauen zum ersten Mal wieder auf ihre Familien. Dies war ein sehr ergreifender Moment. Wir haben aus den Medien erfahren, dass die nigerianische Regierung zusammen mit der Regierung der Schweiz und dem Internationalen Roten Kreuz an der Befreiung der 21 Mädchen beteiligt war. Wir sind sehr dankbar, für die Rolle, die sie gespielt haben und hoffen, dass diese Bemühungen aufrechterhalten werden, bis auch die letzten Mädchen befreit sind.

Viele geflüchtete Menschen kehren wieder in die Gebiete zurück, die von Boko Haram kontrolliert worden waren. Wie geht es ihnen bei der Rückkehr in die Heimat?

Das Militär macht Fortschritte und Boko Haram wird zurückgedrängt. Doch die Menschen, die in ihre Dörfer und Häuser zurückkehren, müssen sich der Realität stellen, dass sie wieder komplett von vorne beginnen müssen. Wo ihre Häuser standen, stehen nur noch Ruinen und all die Dinge, die sie in der Vergangenheit als selbstverständlich angesehen haben, sind nicht mehr da. Ihre Lebensgrundlage wurde zerstört und sie sind aufgrund der Erlebnisse tief traumatisiert. Oft schlafen sie mit einem offenen Auge, denn die Angst, dass Boko Haram in der Nacht zurückkehren könnte, ist immer noch da. Das Arbeiten auf dem Feld birgt Risiken und viele haben Angst, auf ihre Felder zurückzukehren. Und die, die es wagen, denen fehlt es an Werkzeugen, Saatgut oder Düngemittel. Was die Situation weiter verschlimmert, ist die Krise der nigerianischen Wirtschaft. Die Preise für Nahrungsmittel sind auf dem höchsten Stand seit 29 Jahren. Ein 50 Kilogramm Sack Reis kostete vor einem Jahr 9.500 Naira, heute kostet er 20.000 Naira. Dementsprechend haben die Menschen, die zurückkehren, eine schwere Zeit, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Sie werden weiterhin unsere Unterstützung brauchen, bis sie wieder auf eigenen Füßen stehen können.

In welchem Umfang kann die Kirche der Geschwister in Nigeria, die Menschen, die Opfer von Boko Haram wurden, unterstützen?

Die momentane humanitäre Krise in Nordnigeria ist eine beispiellose Situation. Die Menschen brauchen ganz unterschiedliche Hilfe – Nahrungsmittel, Unterkünfte, medizinische Versorgung, Bildung für die Kinder oder Traumaheilung. Diese verschiedenen Ebenen der Unterstützung lässt die EYN allen zukommen – denen, die nicht nach Hause zurückkehren können, und denen, die sich zurück in ihre Heimat aufmachen. Im Oktober organisierte die Frauenvereinigung der EYN ein großes Fest. Frauen, die an Fortbildungsprogrammen teilgenommen hatten, erhielten ihre Zertifikate, aber auch Startkapital und Ausrüstung wie zum Beispiel Nähmaschinen. Ältere Menschen erhielten Bargeld, Nahrungsmittel und Kleidung. Es war ein sehr emotionales Fest. Für die Opfer war es ein aufrichtiges Zeichen, dass die Kirche sich um sie kümmert. Zeremonien wie diese sind Teil unserer fortlaufenden Arbeit, die von Mission 21* unterstützt wird.

Das Interview führte Riley Edwards-Raudonat.

* Spenden für die Aufbauhilfe nimmt in Deutschland die Basler Mission - Deutscher Zweig (BMDZ) entgegen und leitet sie an Mission 21 in die Schweiz weiter.

Termine

23.02.19 , ejw Stuttgart
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