03.04.20 | Aktuelles, Corona

Feste Zuversicht

Neuer EMS-Generalsekretär Pfarrer Dr. Dieter Heidtmann im Interview

Der neue Generalsekretär der EMS Dieter Heidtmann. (Foto: Ralf Stieber, Karlsruhe)

Am vergangenen Mittwoch, dem 1. April 2020, hat der württembergische Pfarrer Dr. Dieter Heidtmann sein Amt als neuer Generalsekretär der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS) angetreten. Im Interview spricht Heidtmann über seinen Amtsantritt in schwierigen Zeiten und blickt in fester Zuversicht nach vorne.

Herr Heidtmann, Sie beginnen ihre Arbeit als Generalsekretär der EMS in einer sehr schwierigen Zeit. Die Corona-Krise ist das alles beherrschende Thema. Wie gehen Sie damit um?

Ich war in den vergangenen Wochen bereits in die Beratungen in der EMS einbezogen, was wir in der jetzigen Situation tun müssen, um die Menschen zu schützen, die in der EMS und mit der EMS arbeiten. Meine große Sorge ist, dass die internationalen Auswirkungen dieser weltweiten Infektionswelle bisher nur sehr selektiv wahrgenommen werden. Die Aufmerksamkeit richtet sich im Moment sehr auf China, Europa und die USA, die Entwicklung in anderen Regionen gerät da fast vollständig aus dem Blick. Ich kann verstehen, wenn man in der Krise zunächst an sich selbst denkt, aber es zeichnet sich ab, dass das Corona-Virus in Regionen mit schwachen Gesundheitssystemen und schlechter Regierungsführung viel massivere Auswirkungen haben wird als zum Beispiel in Deutschland oder Südkorea. Wir arbeiten im Moment sehr intensiv an Maßnahmen, mit denen sich die Mitgliedskirchen in dieser Ausnahmesituation gegenseitig unterstützen können. Das gilt für die materielle Unterstützung, aber auch für den Zusammenhalt im Glauben. Ein erster Schritt ist dabei der Spendenaufruf Solidarität. Weltweit. Leben. Miteinander gegen Corona, den die EMS veröffentlicht hat.

Welcher Weg hat Sie zur EMS geführt?

Wenn ich zurückschaue, dann hat für meinen Lebensweg sicher das Studium in einem internationalen College in England eine wesentliche Rolle gespielt. Die Begegnungen mit Studierenden aus Ländern, in denen das Bekenntnis zum christlichen Glauben mit einem ganz anderen persönlichen Risiko verbunden war, haben mich sehr beeindruckt. Bis heute verbindet mich mit einem südafrikanischen Mitstudenten aus dieser Zeit eine persönliche Freundschaft. Damit geht es mir wie so vielen anderen: Wer einmal erlebt hat, wie bereichernd die Zusammenarbeit mit Menschen aus anderen Ländern und anderen Kulturen ist, den lässt die Ökumene nie mehr los. So habe ich in den vergangenen Jahren bei „Dienste in Übersee“ und schon einmal (1997 bis 2000) in der EMS gearbeitet, war Gemeindepfarrer in einer Gemeinde mit 70 Prozent Migrationsanteil und von 2004 bis 2010 als Vertreter der evangelischen Kirchen in Europa in Brüssel. In den letzten Jahren war ich in der Evangelischen Akademie Bad Boll und im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt der badischen Landeskirche für den Dialog der Kirchen mit der Wirtschaft verantwortlich.

Warum finden Sie das Thema Mission heutzutage noch relevant?

Weil es der Kernauftrag der Kirchen ist. Kirche ist doch, wie Dietrich Bonhoeffer es formuliert hat, immer „Kirche für andere“. In seiner ersten Predigt sagt Jesus, dass er gekommen sei, um den Armen das Evangelium zu verkündigen, den Gefangenen zu predigen, dass sie frei sein sollen, den Blinden, dass sie sehen sollen und die Zerschlagenen in die Freiheit zu entlassen. Diese Botschaft der Zuwendung Gottes zu den Menschen weiterzugeben und diese Freiheit des Glaubens weiterzutragen, ist eine wesentliche Aufgabe der Kirchen. Ich erlebe auch, dass das von uns erwartet wird. Wenn ich in den vergangenen Jahren die Kirchen im Dialog mit der Politik oder der Wirtschaft vertreten habe, dann erwarteten diese von den Kirchen eine inhaltliche Positionierung auf der Grundlage des Evangeliums. In diesem Bereich erlebe ich die europäischen Kirchen manchmal eher zögerlich und kleinmütig. Jesus hätte vermutlich gesagt, zu „lau".

„Die EMS ist keine deutsche Organisation mehr, sondern eine internationale!“, dies betonte die damalige Präsidiumsvorsitzende der EMS, Marianne Wagner, während der Generalversammlung 2018. Internationalisierung ist Chance und Wagnis zugleich. Wo sehen Sie die Chancen, wo die Risiken?

Ich verstehe die Internationalisierung der EMS als einen Prozess, der mit der Umstrukturierung der Entscheidungsgremien seinen Anfang genommen hat. Die Vision, die die Mitgliedskirchen dabei entwickelt haben, ist die einer „wachsenden Gemeinschaft von Kirchen und Missionsgesellschaften, wachsend im Glauben, in der Zusammengehörigkeit, in Stärke und Vernetzung“ (EMS Agenda 2014-2020). In einer Zeit, in der weltweit die Tendenz zur Abschottung und zu einer „ich zuerst“-Haltung zunimmt, ist es besonders wichtig, als Kirchen zu zeigen, dass eine engere Zusammenarbeit allen Beteiligten mehr Möglichkeiten eröffnet.  Dieser Zusammenhalt muss sich in der jetzigen Krisensituation bewähren. Am Ende zählt, was bei den Menschen vor Ort ankommt.

Welche Schwerpunkte möchten Sie in Ihrer täglichen Arbeit setzen?

Wir werden mit allen Beteiligten in der EMS versuchen, so wohlbehalten wie möglich durch diese Krise zu kommen. Die Aufgabe im EMS-Sekretariat ist es, dafür Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen alle ihre Aufgaben bestmöglich erfüllen können. Ich bin überzeugt, das funktioniert nur durch intensive Teamarbeit und gelebte Solidarität. Mir ist dabei wichtig, dass wir in diesen schwierigen Zeiten die Orientierung nicht verlieren. Paulus schreibt: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2 Tim 1,7) In dieser Grundhaltung sollten wir die gemeinsamen Aufgaben angehen.

Wo sehen Sie die EMS in zehn Jahren?

Als wir im Frühjahr vergangenen Jahres in Indien waren, um dort unsere Tochter zu besuchen, begrüßte uns der Pfarrer der örtlichen Gemeinde in Secunderabad mit den Worten: „Ihr kommt aus Stuttgart. Dann gehört ihr auch zur EMS-Familie!“ Wenn wir dahin kommen, dass die Gemeindemitglieder in allen Mitgliedskirchen die EMS als ihre ökumenische „Familie“ erleben, dann haben wir viel erreicht.

Was wünschen Sie sich für die kommenden Monate?

Dass wir fest stehen im Glauben und in unserer Solidarität. Und dass wir jetzt schnell und unbürokratisch handeln. Ich bin da guter Hoffnung. Seit meiner Konfirmation begleitet mich das Wort aus Hebräer 11,1: „Der Glaube ist die feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Diese „feste Zuversicht“ brauchen wir jetzt alle.

Termine

18.09.20 , Berliner Missionswerk, Georgenkirchstraße 70, 10249 Berlin
China – Ethik – Wirtschaft

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