13.04.15 | Aktuelles

In Bildern: Das Jahr nach dem Untergang der Sewol-Fähre

Am 16. April 2014 ereignete sich das tragische Fährunglück vor der Küste Südkoreas - seither ist viel, aber nicht genug passiert

Foto: yonhap news / Text: Karina Schumacher

Am Morgen des 16. April sank die Fähre "Sewol" auf ihrer Routinefahrt von Incheon nach Jeju und riss die meisten der 478 Passagiere mit sich in die Tiefe. Nur 174 Menschen konnten gerettet warden, 304 starben, 9 Menschen werden immer noch vermisst. Ein Großteil der Passagiere (325) waren Teenager, Schülerinnen und Schüler der Danwon-Highschool in Ansan bei Seoul auf Klassenfahrt. 250 von ihnen kamen bei der Katastrophe ums Leben.

Das Schiff sei 20 Jahre alt und mehrfach umgebaut gewesen, um mehr Ladung und Passagiere aufnehmen zu können, heißt es. Die Besatzung der Fähre sei schlecht ausgebildet gewesen und habe zum Großteil aus Zeitarbeitern bestanden. Zwei Wochen vor dem Unglück sei ein technisches Problem an der Ruderanlage festgestellt und eine Reparatur beantragt worden. Es waren weit mehr Menschen an Bord als erlaubt und, um das Schiff dreifach zu überladen, war Ballastwasser abgelassen worden. Als die unerfahrene dritte Offizierin, die zum Zeitpunkt der Havarie allein auf der Brücke gewesen sein soll, ein abruptes Lenkmanöver durchführte, verrutschte die unzureichend gesicherte Ladung und brachte das Schiff in Schieflage. Die Fahrgäste erhielten die Anweisung, aus Sicherheitsgründen in ihren Kabinen zu bleiben, während der Kapitän und die Besatzung das Schiff verließen.

Der erste Notruf wurde von einem Passagier abgegeben. Es soll zu gravierenden Missverständnissen zwischen der Schiffsbesatzung und der Küstenwache gekommen sein. Rettungsboote kamen nicht zum Einsatz. Während der zwei Stunden zwischen dem ersten Notruf und dem schließlichen Untergang des Schiffes hatten viele der Passagiere Kontakt zu ihren Angehörigen. Die eintreffenden Rettungshubschrauber konnten nichts anderes tun, als Videoaufnahmen von dem sinkenden Schiff zu machen, die im Koreanischen Fernsehen übertragen wurden. Die Bevölkerung wurde so zu ohnmächtigen Zeugen der Katastrophe.

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Am 21. April kündigte Präsidentin PARK Geun-Hye an, dass das Verhalten aller Beteiligter, vom Schiffseigner, über die Inspektoren der Sicheheitsstandards, bis hin zur Besatzung, untersucht und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen würden. In den darauf folgenden Tagen und Wochen kamen über 560 Taucher, sowie rund 200 Schiffe von Marine und Küstenwache, sowie private Fischerboote zum Einsatz, 34 Flugzeuge durchkämmten das Gebiet. Die Bergungsarbeiten erwiesen sich wegen des stürmisches Wetters, starken Unterwasserströmungen und schlechter Sicht von teilweise weniger als dreißig Zentimetern als extrem schwierig. Es dauerte Wochen, bis die meisten der Ertrunkenen geborgen werden konnten, sieben Menschen kamen dabei ums Leben.

Die öffentliche Kritik am Krisenmanagement der Regierung nach dem Schiffsunglück nahm zu. Mehrere Ministerien bauten Notfallzentren auf, koordinierten deren Arbeit aber nicht. Die eingesetzten Führungskräfte hatten keine Erfahrung im Katastrophenmanagement. Außerdem wurde Kritik an mehreren Politikern laut, sich durch die Katastrophe profilieren zu wollen anstatt zu helfen; etwa als die Präsidentin sich mit einem sechsjährigen Mädchen fotografieren ließ, das seine gesamte Familie bei der Katastrophe verloren hatte, oder ein Minister mit seinem Handy ein Foto der trauernden Angehörigen schoss. Da auch elf Tage nach der Katastrophe noch 115 Menschen vermisst wurden, trat Ministerpräsident CHUNG Hong-Won zurück und übernahm damit die Verantwortung für die wachsende öffentliche Kritik am Krisenmanagement der Regierung nach dem Schiffsunglück.

Am 19. Mai löste Präsidentin PARK als Konsequenz der Sewol-Katastrophe die Küstenwache auf, da sie "in ihrer jetzigen Form nicht in der Lage sei, eine weitere große Katastrophe zu verhindern". Die Rettungsaufgaben sollten künftig von einer neuen nationalen Sicherheitsbehörde übernommen werden, die Ermittlungsaufgaben auf die Polizei übertragen weden, so PARK.

Alle 15 überlebenden Besatzungsmitglieder wurden verhaftet. Gegen den Eigentümer der Reederei und das Management wurden Ermittlungen unter anderem wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und Untreue eingeleitet. Fast 100 Tage nach dem Untergang der "Sewol" identifizierte die Polizei die Leiche des mit Haftbefehl gesuchten und seit Monaten verschwundenen 73-jährigen Reeders.

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Hundert Tage nach dem tragischen Fährunglück hängt am Rathaus von Seoul ein Banner mit der Aufschrift: Wir werden euch nicht vergessen. Wir werden nicht aufgeben, bis auch der letzte Passagier zurück zu seinen Lieben gekehrt ist. Dennoch ist erschreckend wenig passiert, um die wahren Ursachen der Katastrophe zu finden. Die Angehörigen der Opfer haben Angst, dass das Unglück in Vergessenheit gerät, bevor sie selbst ihren Frieden schließen können.

So viele Fragen sind noch immer ungeklärt. Wieso wurden Sicherheitsstandards nicht eingehalten? Warum fuhr das Schiff mit der dreifachen Lademenge und doppelten Anzahl an Passagieren? Wieso überlässt der Kapitän einem unerfahrenen Crewmitglied die alleinige Verantwortung für die Steuerung des Schiffes durch eine für ihre schwierigen Strömungen bekannte Inselkette? Wie kann es sein, dass in den drei Stunden, die das Schiff sank, nicht mehr als 180 Menschen von Bord kamen? Wieso verlässt ein Kapitän sein sinkendes Schiff mit der Anweisung an die Passagiere, in ihren Kabinen zu bleiben? Wo war die Präsidentin während der Katastrophe? Wieso kam es nicht zum Einsatz von Rettungskräften?

Eine Gruppe von Eltern der ertrunkenen Schüler fordert eine Sonderverordnung, die es erlaubt eine Kommission einzusetzen, die das Unglück unabhängig untersuchen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen kann. Für diese Verordnung werden Unterschriften gesammelt. 15 Angehörige sind in Hungerstreik getreten und campieren vor dem Parlament, fünf Väter haben ihr Zelt in der Innenstadt aufgeschlagen.

Zum Gedenken an die Opfer und in Solidarität mit den Familien riefen zahlreiche religiöse und politische Gruppen zum gemeinsamen Hungerstreik auf. Auch die Presbyterianische Kirche in der Republik Korea (PROK) organisierte ein Fastengebet in der Innenstadt, an dem sich Pastoren, Vikare, Theologiestudenten und Mitglieder verschiedener Gemeinden und kirchlicher Organisationen beteiligten. Vom 2.-16. August fasteten Pastoren der PROK in Solidarität mit den Angehörigen der Opfer am Gwanghwamun. Pastor LEE Yoon-Sang organisierte die täglich wechselnde Gruppe von fastenden und betenden Pastorinnen und Pastoren. Dreimal am Tag gab es eine gemeinsame Andacht.

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Die Bürgerinitiative "Kommittee zum Umgang mit dem Sewol Disaster" hat dazu aufgerufen, die Sommerferien vor dem Gwanghwamun zu verbringen. In dieser heißen Jahreszeit machen viele Firmen Betriebsferien oder geben ihren Angestellten ein paar Tage frei. Besonders die Großstädter zieht es dann in die "Sommerfrische" aufs Land. Die Nachricht, die Präsidentin habe Urlaub, war bei vielen Aktiven auf Kritik gestoßen.

Von den fünf Vätern im Hungerstreik ist nur noch Yumins Vater KIM Young-Oh übrig geblieben. Tag und Nacht sitzt er am Gwanghwamun. Jeden Morgen macht er sich auf den Weg zum Blue House, um Präsidentin PARK um die Aufklärung des Todes seiner Tochter zu bitten. Jeden Tag besuchen mehr und mehr Unterstützer das Zelt des zunehmend schwächer werdenden Vaters im Hungerstreik. Parallel dazu laufen verschiedene Aktionen der Bürgerinitiative, wie etwa eine Unterschriftensammlung für das Sondergesetz oder eine Zebrastreifendemo, die immer so lange dauert wie eine Grünphase.

Jeden Abend finden Kerzenschein-Demonstrationen statt, jeden Samstag feiern tausende Menschen mit verschiedenen Kulturveranstaltungen, wie Konzerten, Vorträgen oder Open-Air-Kinovorführungen ein Festival in Solidarität mit den Angehörigen der Opfer des Fährunglücks und gegen das Vergessen der Katastrophe. Jede Nacht zum Sonntag verbringen duzende Buddhisten mit 3.000 Verbeugungen.

Derweil lähmt die Auseinandersetzung rund um das Sewol-Unglück die Politik des Landes: Die konservative Regierungspartei lehnt einen von der Oppositionspartei geforderte Untersuchungsausschuss unter Beteiligung der Hinterbliebenen aus verfassungsrechtlichen Bedenken ab. Die Angehörigen der Sewol-Opfer allerdings misstrauen der Regierung und fürchten, diese sei an einer Aufklärung der Hintergründe der Tragödie nicht interessiert und könnte mögliche Verstrickungen versuchen zu verheimlichen. Die Opposition boykottiert mit Sitzblockaden und Demonstrationszügen die Parlamentsarbeit, einzelne Abgeordnete treten aus Solidarität mit den Hinterbliebenen der Sewol-Opfer in Hungerstreik. Da keine der beiden großen Parteien ernsthafte Kompromissbereitschaft zeigt, können über Monate keine ausstehenden Gesetze mehr verabschiedet werden und der innenpolitische Diskurs liegt praktisch lahm.

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Am 15. August ist in Korea Nationalfeiertag, man gedenkt der Unabhängigkeit von der japanischen Kolonialherrschaft nach Ende des 2. Weltkrieges. Die Sewol-Bürgerinitiative sowie zahlreiche religiöse und politische Gruppen nutzten den Feiertag als Aktionstag. Am Nachmittag findet vor dem Rathaus in Seoul wieder ein Kulturfestival statt. Koreanische Prominente treten auf, ein Sänger, der aus Solidarität seit 15 Tagen im Hungerstreik war, und auch Yumins Vater. Das Publikum zählt 20.000 Menschen.

Am nächsten Tag kommt der Papst, feiert mit 800.000 Gläubigen eine Messe am Gwanghwamun, nimmt einen Brief von KIM Young-Oh entgegen und segnete ihn. In der Woche darauf einigen sich Regierung und Opposition auf einen Sondergesetzentwurf zur Untersuchung des Fährunglücks, der entgegen der Forderung der Angehörigen weder die Möglichkeit zur regierungsunabhängigen Untersuchung der Katastrophe noch das Recht zur Bestrafung der Verantwortlichen enthält und deshalb von den Angehörigen entschieden abgelehnt wird.

Die PROK besetzt daraufhin das Büro der Oppositionsführerin PARK Yeong-Seon und harrt dort fünf Tage aus, bis die Opposition ihre Zustimmung zu dem Gesetzesentwurf zurück zieht.

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An dem Tag, an dem Regierung und Opposition erneut gezwungen sind, einen Kompromiss im Streit um das Sewol-Sondergesetz zu finden, ist KIM Young-Oh den 36. Tag im Hungerstreik. MOON Jae-In, der Oppositionskandidat der letzten Präsidentschaftswahl, besucht ihn am Ganghwamun und bietet ihm an, an seiner Stelle in den Hungerstreik zu treten. Yumins Vater lehnt das Angebot ab und so fasteten dann beide gemeinsam. KIMs gesundheitliche Verfassung verschlechtert sich rapide und die Oppositionsführerin kommt persönlich, um sich bei ihm für den gescheiterten Gesetzesentwurf zu entschuldigen und ihn zu bitten, den Hungerstreik zu beenden. Yumins Vater bleibt jedoch unbeeindruckt.

Am 38. Tag seines Hungerstreikes bricht KIM Young-Oh zusammen. Er kann nicht mehr von seinem Lager aufstehen, wenn Bürgerinnen und Bürger, Schülerinnen und Schüler, buddhistische Mönche, katholische Schwestern, und Vertreterinnen und Vertreter von Kirche und Gesellschaft ihm ihre Unterstützung ausdrücken. Im Morgengrauen des 40. Tages seines Hungerstreikes schreibt Herr KIM bei Facebook, er habe Schmerzen im ganzen Körper. Das Sterben mache ihm keine Angst, wohl aber die Vorstellung, leben zu müssen, ohne die Wahrheit über den Tod seiner Tochter zu erfahren. Um 7:50 Uhr wird er mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. Er setzt auch dort seinen Hungerstreik fort.

An dem Tag, an dem Yumins Vater sein Zelt am Gwanghwamun verlassen muss, schreiben andere Angehörige einen offenen Brief an Präsidentin PARK und beginnen, auf dem Bürgersteig vor ihrem Palast in Erwartung einer Antwort zu kampieren. Die PROK versorgt sie mit Decken und Nahrungsmitteln, organisiert frische Kleidung und Regenschutz. In Solidarität findet außerdem täglich ein öffentliches Gebet auf der anderen Straßenseite statt. Die Familien werden von Polizeibussen hermetisch abgeriegelt und auch die Unterstützer singen und beten eingekesselt von mehreren hundert Polizisten.

Am 46. Tag beendet Yumins Vater seinen Hungerstreik auf die flehentliche Bitte seiner zweiten Tochter Yuna. Aber sein Kampf endet hier nicht. Und er ist nicht allein. Zusätzlich zu den täglichen Gebeten und wöchentlichen Kulturfesten, findet am 1. September ein Gebet der fünf Religionen Koreas (Christen, Katholiken, Buddhisten, Won-Buddhisten und Cheondoisten) für die Aufklärung der Sewol-Katastrophe am Gwanghwamun statt. 

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Am 1. November sind seit der Sewol-Katastrophe 200 Tage vergangen. An diesem Tag wird der Opfer mit einer Kerzenlicht-Mahnwache am Cheongyecheon gedacht und daran erinnert, dass sich in der koreanischen Gesellschaft grundlegend etwas ändern muss, um den Kindern dieses Landes eine sichere Zukunft bieten zu können. Zwei Tage vorher hatte das Parlament sich nach langem Ringen auf einen Gesetzesentwurf des Sewol-Sondergesetzes geeinigt. Und obwohl er weit hinter den Erwartungen der betroffenen Familien zurück blieb, entschieden sie sich dazu, ihm nicht weiter zu widersprechen. Deshalb kann nun ein Sonderuntersuchungsausschuss gebildet werden, der bis zu 18 Monate lang Aktivitäten zur Aufklärung der Sewol-Katastrophe durchführen und somit das Unglück eingehend untersuchen soll.

Die Familien haben ihr Zeltlager vor dem Blue House aufgelöst und sind zu den anderen Aktivisten am Gwanghwamun zurückgekehrt, von wo aus sie die Untersuchung nun kritisch begleiten und die Bevölkerung fortlaufend über die aktuelle Situation informieren wollen.

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An Ostern 2015 ist fast ein Jahr vergangen, seit die Sewol-Fähre unterging und 304 Leben mit sich in die Tiefe zog. Immer noch werden neun Menschen vermisst, immer noch liegt das Schiff auf dem Grund des Ozeans, immer noch ist wenig über die wirklichen Ursachen des Untergangs geklärt. Auch ein Jahr nach der Sewol-Katastrophe war es nicht möglich, alle Opfer zu finden, um wenigstens die Körper der Ertrunkenen ihren Familien zurück zu bringen, deren Seelen vor Schmerz und Sehnsucht brennen.

In der Woche vor Ostern veröffentlichte der Nationale Kirchenrat Koreas (NCCK) ein Gebetsheft mit Bibelstellen, Zitaten und Gebeten der Angehörigen und organisierte ein theologisches Symposium zum Thema "Antworten der Koreanischen Kirchen ein Jahr nach der Sewol Katastrophe", an dem auch Angehörige einiger der vermissten Schülerinnen und Schüler teilnahmen. Es wurde versucht, Antworten der koreanische Kirche auf den Schmerz und das Leid der Angehörigen zu finden. Einer der Dozenten fragte: Können wir überhaupt noch Ostern feiern? Können wir die Auferstehung Jesu feiern im Angesicht der 304 Toten? Müssen wir nicht unsere Theologie überdenken? Wie sollen Menschen in Schmerz und Leid und Trauer die Auferstehung verstehen? Seine Antwort: "Es ist unsere Aufgabe, es ihnen zu erklären, denn Leben braucht Hoffnung. Wir müssen erinnern und dürfen nicht still sein. Und wenn wir Kirchen die letzten sind, wir (müssen) wissen, wo unser Platz in der Nachfolge Christi ist. Jesu Auferstehung ist ein theologisches Geheimnis, die Opfer der Sewol-Katastrophe werden nicht, wie er, körperlich wieder auferstehen. Aber sie werden weiterleben im gesellschaftlichen Wandel, als 'Spuren der Auferstehung'."

Eine andere Dozentin erklärte: "Religiöse Gemeinschaften sind Gemeinschaften der Erinnerung und des Erinnerns. Wir als Christen erinnern an das Leiden Jesu und damit an das Leid der Welt. Jesus sagt: 'Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben', sein Sterben gibt uns Leben in Fülle. Jesu Auferstehung erinnert uns ewig an den Sieg des Lebens über den Tod, denn in seiner Auferstehung liegt der Neuanfang. Der Weg zum Kreuz wählt das Leben, wenn wir mit ihm sterben, werden wir auch mit ihm auferstehen"

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An Gründonnerstag und Karfreitag organisiert der NCCK eine Fahrt zum Hafen in Paengmog auf der Insel Jindo, vor deren Küste vor fast einem Jahr die Sewol-Fähre gesunken war. Bei andauerndem Nieselregen pilgern die etwa 250 Teilnehmenden zehn Kilometer bis zum Pier, an dem die Angehörigen ängstlich bangend warteten und wo die 295 Leichen an Land gebracht wurden. Der Regen durchweicht die Pilgernden, die tiefhängende Wolkendecke verstärkt das beklemmende Gefühl dieses Ortes.

Am nächsten Morgen fahren kleine Gruppen mit Fischerbooten raus aufs offene Meer, an die Koordinaten der Unglücksstelle. Der Wind zerrt an Haaren und Regenjacken und spielt mit den kleinen Schiffen, die auf den Wellen tanzen. Bei einer kurzen Andacht, wird für die Verstorbenen und ihre Angehörigen gebetet, die Namen der Vermissten gerufen und Chrysanthemen "niedergelegt". An diesem Ort, an dem über 300 Menschen ihr Leben auf so grausame Weise verloren, bekommt das Sterben Christi an diesem Karfreitag-Morgen eine ganz neue Bedeutung.

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Auch am Ostersonntag ist dieses Jahr vieles anders als sonst. Wie soll man sich an der Auferstehung erfreuen, wenn es nur noch wenige Tage sind, bis sich das Tag der Sewol-Katastrophe zum ersten Mal jährt? Am Nachmittag des Ostersonntags findet deshalb ein Solidaritäts-Gottesdienst am Gwanghwamun mit den Angehörigen der Opfer der Sewol-Katastrophe satt. Die Angehörigen, die seit einem Jahr unerträglich leiden, fühlen sich von der koreanischen Regierung ignoriert. Statt Aufklärung der Katastrophe und eine Suche nach den letzten neun Opfern, wurde den Angehörigen eine Entschädigung geboten. Als ob das Leben eines Kindes, eines Bruders, einer Ehefrau mit Geld zu bezahlen sei. Als ob Trauer und Schmerz durch Geld zu lindern seien.

Nachdem das Sondergesetz zum Untergang der Sewol-Fähre im November 2014 verabschiedet worden war und eine Untersuchungsperiode von 18 Monaten festgelegt wurde, hat die Regierung nun fünf Monate später eine Durchführungsverordnung vorgelegt, die die Details der Untersuchung regeln soll. Gleich nach der Veröffentlichung protestieren die Hinterbliebenen und der Sonderuntersuchungsausschuss zur Aufklärung der Havarie heftig dagegen, da die Größe des Etats und der Organisation weit hinter ihren Forderungen zurück bleiben. Der Entwurf sieht vor, dass die Zahl der Mitarbeiter des Sekretariats begrenzt und zugleich die Kompetenzen der Beamten, die in den Ausschuss entsandt werden, verstärkt werden sollen. Außerdem soll das Ministerium für Ozeane und Fischerei den größten Anteil an zu entsendenden Beamten stellen, obwohl es gemeinsam mit der Küstenwache zu den primären Untersuchungsgegenständen des Sonderausschusses zählt, da sie für die Rettungs-und Bergungsarbeiten nach der Havarie im vergangenen April zuständig waren. Die Beteiligung des Ministeriums an den Untersuchung löst Bedenken aus, ob die Untersuchung objektiv und ordentlich durchgeführt werden könne.

Auch die Zurückhaltung der Regierung zu einer Bergung des Wracks der Unglücksfähre stößt auf Kritik. Obwohl im März eine technische Prüfung abgeschlossen und nach einer Meinungsanhörung über die Bergung entschieden werden sollte, wurde das Verfahren aufgeschoben. Die Hinterbliebenen der Opfer und ihre Unterstützer fordern daher die vollständige Aufhebung der Durchführungsverordnung zum Sewol-Gesetz und die schnellstmögliche Bergung des Wracks.

Fünfzig Eltern ertrunkener Schülerinnen und Schüler hatten als Zeichen der Ablehnung der Durchführungsverordnung und der geplanten Entschädigung, als Zeichen der Trauer und als Zeichen ihrer Entschlossenheit, weiterhin alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um den Tod ihrer Kinder aufzuklären, ihre Köpfe kahl rasiert und waren mit den Bildern ihrer verstorbenen Kinder im weißen Gewand der Trauer vom Memorial-Altar in Ansan bis zum Gwanghwamun gepilgert. Sie fordern die Hebung des Schiffswracks in der Hoffnung, die letzten Vermissten zu finden und die Wahrheit im wahrsten Sinne des Wortes "ans Licht zu bringen".

Termine

28.09.19 , Ev. Akademie Bad Boll
Indien-Tagung Bad Boll

Die wahre Geschichte unserer Völker: Sprache - Widerstand - Perspektiven im internationalen Jahr (2019) für indigene Sprachen  mehr

04.10.19 , Hoffmans Höfe, Heinrich-Hoffmann-Straße 3, 60528 Frankfurt am Main
Internationale Tagung – Interreligiöse Studienprogramme als Aufgabe der Kirche in multi-religiösen Gesellschaften

Erfahrungen aus Indien, Japan und dem Libanon mehr