28.03.15 | Aktuelles, Drei Fragen an

Drei Fragen an...

Nataly HAN, eine in Deutschland lebende Koreanerin, die sich damals wie heute für die Demokratie in ihrem Heimatland einsetzt

Die Koreanerin Nataly HAN lebt seit Ende der 70er Jahre in Deutschland, dennoch pflegt sie beruflich und privat eine enge Verbindung in ihre Heimat. (Foto: privat)

Nataly Jung-Hwa HAN ist 1962 in Seoul geboren und lebt seit 1978 in Deutschland. Sie arbeitet als Koreanistin und Dolmetscherin in Berlin. Neben dem Vorstandsvorsitz hat sie die Leitung des Kommunikations- und Forschungszentrums des Korea-Verbands e.V. inne und organisiert zahlreiche Lesungen und Veranstaltungen mit Künstlerinnen und Aktivisten aus Korea. Im April ist sie eine der Referentinnen beim Seminar "Erkämpfte, gefährdete, gelebte Demokratie", das die EMS in Kooperation mit dem Korea-Verband, der Deutschen Ostasienmission, dem Berliner Missionswerk und der Evangelischen Akademie Thüringen veranstaltet.

Frau HAN, wie haben Sie die Demokratiebewegung in Ihrem Heimatland erlebt?

Mein Vater war in den 60er Jahren Redakteur beim Korea Herold. Schon damals war er unzufrieden wegen der Einschränkung der Meinungsfreiheit. Dadurch wurde mein Blick auf die politische Situation geschärft. Ich erinnere mich sehr genau an diese düstere Zeit der sogenannten Yushin-Reform im Oktober 1972, die der Präsident Chung-Hee PARK einleiten ließ. Das Notstandsgesetz wurde verhängt und das Parlament aufgelöst. Ich war damals in der 4. Klasse der Grundschule und es hieß, wir dürften nun die Klassensprecherin nicht mehr selbst wählen, sondern sie würde von der Lehrerin ernannt. Das war sehr bezeichnend für den Versuch, die Demokratie auf allen Ebenen abzuschaffen.

Ich bekam trotz der Medienkontrolle mit, dass die demonstrierenden Studenten festgenommen wurden. Menschen hatten Angst vor Repressionen und fingen an, leise zu flüstern, wenn sie ihre Skepsis gegenüber der Regierung äußerten. Wegen dieser schwierigen Umstände ist meine Mutter dann nach Deutschland gegangen, um als Krankenschwester zu arbeiten. Im Jahre 1978 folgte ich meiner Mutter nach Deutschland. Ich war gerade 16 Jahre alt.

Meine beste Freundin gehörte zu den aktiven Kämpferinnen und Kämpfern, sie gab ihr Studium auf und ging in die Textilfabrik. Sie kam ins Gefängnis, weil sie im Besitz einer Kassette mit den Liedern des Kwangju-Aufstands war. Ich bekam mit, dass sie gefoltert wurde. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, dass alle meine Freunde damals aktiv gegen die Militärdiktatur kämpften und sich für die Demokratisierung des Landes einsetzten und ich hingegen ein ruhiges Leben in Deutschland führte. Nachdem ich 1987 nach Berlin zog, hatte ich die Möglichkeit auch einen Beitrag zu leisten. Ich begann, in der Redaktion der deutschsprachigen Zeitung für die koreanischen Community "Demokratie für Korea" mitzuarbeiten. Wir haben damals viele Berichte über Folter und andere Taten des Unrechtsstaates übersetzt und veröffentlicht. Auch über zahlreiche soziale Probleme, die bis dahin tabuisiert wurden, haben wir berichtet.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie heute nach Korea blicken?

Ich reise immer noch regelmäßig nach Korea. Anfang der 90er Jahre schien es mir so, dass sich die koreanische Gesellschaft positiv und gut entwickelt. Viele Verwandte und Freunde empfahlen mir, wieder nach Korea zurückzukehren. Dann kam aber die Asienkrise 1997. Seither wirkt das Land oberflächlich betrachtet modern und reich, doch die Menschen klagen über schwierige und unmenschliche Lebensumstände. Früher war man mit materieller Armut beschäftigt, jetzt leidet man unter geistiger Armut. Vor allem geht es um den unglaublich hohen Konkurrenzdruck, der schon im Kindergarten beginnt.

Das Alltagsleben ist hart, weil man ständig Angst haben muss, dass man, wenn man sich nicht anstrengt, aus der Bahn geworfen wird. Deshalb wählte man Myung-Bak LEE, der als ein starker Wirtschaftspräsident galt, und nun die Präsidentin Geun-Hye PARK, die sich auf den angeblichen Mythos des Wirtschaftswunders ihres Vaters Chung-Hee PARK beruft. Doch ist die Folge momentan eine Polarisierung der Gesellschaft: Die kritischen Stimmen werden als "pro-nordkoreanisch" abgestempelt. Das Feindbild Nordkorea wird wieder geschürt. Die alte Angst, die während der Yushin-Zeit herrschte, scheint zurückgekehrt zu sein. Man bekommt sehr leicht den Stempel "Chinbuk" (pro-nordkoreanisch) – inzwischen auch "Jongbuk" (Nordkorea gehorsam) – aufgedrückt. Vorauseilender Gehorsam ist momentan der Usus. So lehnte die Kunstspeditionsfirma, die die satirischen Bilder des Künstlers Sung-Dam HONG für Ausstellungen nach Deutschland bringen sollte, den Auftrag kurzfristig ab – aus Angst, in Verruf zu geraten.

Wie steht es Ihrer Meinung nach um die Zukunft einer demokratischen Zivilgesellschaft in Korea?

Trotz der momentanen Lage bin ich hoffnungsvoll, dass sich die Zivilgesellschaft nicht alles gefallen lässt. Denn sie hat schon einmal den Erfolg erlebt und weiß, dass sie mit vereinter Kraft die Militärdiktatur abgeschafft hat. Die größte Bedrohung der Demokratie ist meines Erachtens die Teilung der koreanischen Halbinsel. Solange wir das Nationale Sicherheitsgesetz haben, womit jedwede kritische Stimme ausgeschaltet werden kann, kann es keine wirkliche Demokratie geben. Das gegenseitige Vertrauen nicht nur gegenüber dem Norden, sondern innerhalb der südkoreanischen Gesellschaft ist wohl die grundlegende Voraussetzung für die Wiedervereinigung Koreas und damit auch für eine funktionierende demokratische Zivilgesellschaft.

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