19. 09. 2014 | Archiv 2014x

Christliche Präsenz im Mittleren Osten bedroht

Christen und Muslime treffen sich zu gemeinsamer Konferenz in Kairo

Haben die Christen im Nahen Osten noch eine Zukunft? Diese Frage stand im Zentrum einer Konferenz in Kairo, zu der die Fellowship of Middle East Evangelical Churches (FMEEC) vergangene Woche christliche und muslimische Würdenträger eingeladen hatte. Muslime und Christen sehen in Bildung den wichtigsten Weg, furchtbare Fehlentwicklungen im Islam zu verhindern.

Die Frage nach der Zukunft der Christen im Nahen Osten ist nicht neu. Seit vielen Jahren verlassen Christen die Region. Mit Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien und spätestens seit dem grausamen Auftreten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien und im Irak ist die Sorge der Christen in existenzielle Angst umgeschlagen. Erst kürzlich wandte sich der Höchste Rat der Evangelischen Gemeinden in Syrien und Libanon mit einem dringenden Appell an alle evangelischen Kirchen in der Welt, die vollständige Zerstörung christlicher Präsenz im Nahen Osten zu verhindern.

Deutliche Worte fanden auch die Teilnehmenden der FMEEC-Konferenz in Kairo vergangene Woche. "Müssen wir in einer Welt leben, in der unsere Kinder getötet werden? Ist das Islam?", fragte Adeeb Awad von der Presbyterianischen Kirche in Syrien und im Libanon die muslimischen Vertreter aus dem Libanon, Tunesien und Ägypten. Unisono betonten diese, dass der Islam mit IS nichts zu tun habe, dass der Islam auf Toleranz und Barmherzigkeit basiere. Für sie ist eine rechtliche Gleichheit zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen mit dem Koran begründbar.

Auch die muslimischen Teilnehmenden treibt es um, dass IS und andere dschihadistische Terrorgruppen das Bild des Islam so schwärzen. "Wir leiden sehr unter dieser Gewalt, die im Namen des Islam verübt wird", sagte Scheich Mohammed Eddin Afifi vom Rat für Islamische Studien an der Al-Azhar, der höchsten Lehrinstitution im sunnitischen Islam. Die Azhar sei sich der Dramatik der Situation sehr bewusst. Immer wieder rufe sie zur friedlichen Koexistenz zwischen Muslimen und Christen auf. Deswegen sei sie mittlerweile auch ins Visier der Extremisten geraten. "Es gibt Kräfte, die versuchen, den guten Ruf der Azhar in der islamischen Welt zu zerstören", sagte Afifi. Für ihn sei die starke Ausbreitung des Extremismus in der islamischen Welt Ausdruck mangelnder Bildung. "Wir müssen den Menschen in unseren Ländern klarmachen, dass die Dschihadisten ein falsches Bild vom Islam zeichnen und dass der Islam in Wirklichkeit moderat ist. Dabei brauchen wir Hilfe."

Der lutherische Bischof aus Jerusalem, Munib Younan, unterstrich, dass Christen im Nahen Osten nur eine Chance haben, wenn man gemeinsam in die Bildung der breiten Massen investiere und radikale Denkmuster ausschalte. "Wir müssen die Lehrpläne in der arabischen Welt ändern, damit die Menschen lernen, sich in ihrer Unterschiedlichkeit zu akzeptieren und friedlich miteinander zu leben", sagte Younan.

Pfarrer Dr. Habib Badr von der Nationalen Evangelischen Kirche in Beirut, Mitglied im Missionsrat "Evangelischen Mission in Solidariät" (EMS), zeigte sich indes enttäuscht über das sinkende Engagement des Westens im Bildungsbereich. Früher habe der Westen in der Bildung eine seiner Hauptaufgaben in der Region gesehen. "Dieses Interesse scheint vielerorts verschwunden zu sein", sagte er. "Die EMS ist deshalb so wichtig, weil sie Bildung für Christen und Muslime ermöglicht. Moderate Ideen vertreten vor allem diejenigen in der Region, die eine gute Bildung haben".

Beispielhaft dafür sind die Schneller-Schulen in Jordanien und dem Libanon sowie das neue Vorschul-Projekt im syrischen "Tal der Christen". Für diese Einrichtungen engagiert sich die EMS in besonderer Weise gemeinsam mit dem Evangelischen Verein für die Schneller-Schulen (EVS), einer ihrer Mitgliedsorganisationen.

Pressekontakt:
Regina Karasch-Böttcher, karasch@ems-online.org, Tel. +49 711 636 78 85

Auskunft:
Katja Dorothea Buck, katjabuck@yahoo.de, Tel. +49 7071 36 93 64

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