Donnerstag, 19. September 2024
Die Diakonia-Schwesternschaft in Mokpo/Südkorea – Ein Porträt
Was die Stadt braucht: Diakonia
Sie führen ein Hospiz mit 70 Betten, in dem Patient*innen rund um die Uhr betreut werden. Sie haben ein Begegnungszentrum als Anlaufstelle für ältere Menschen gegründet: Hier bekommen Senior*innen Hilfe und ein warmes Mittagessen. Hier können sie der Einsamkeit zu Hause entfliehen. Sie bieten eine medizinische Erstversorgung in der Nachbarschaft, helfen in der örtlichen Klinik, finanzieren Schulstipendien für Kinder und unterstützen Arbeitsmigrant*innen bei der Bewältigung ihres Alltags: die Diakonia-Schwestern in Mokpo/Südkorea.
Zur Geschichte der Diakonia-Schwestern
1980 von Dorothea Schweizer – Pfarrerin und Missionarin der Basler Mission – mitbegründet, haben sich die südkoreanischen Schwestern ganz bewusst im Armenviertel der im Südwesten Südkoreas gelegenen Hafenstadt Mokpo niedergelassen. Damals gab es in dieser Stadt unzählige Tuberkulose-Patient*innen, um die sich die Schwestern in der städtischen Klinik kümmerten. Ihre Sorge galt auch den vielen verarmten Fabrikarbeiter*innen. Dazu bauten sie einen ambulanten Besuchsdienst auf.
Ende der 80er-Jahre ist es passiert: Die Gemeinschaft ist in einen Zustand kollektiver Erschöpfung geraten. Der ununterbrochene Dienst am Nächsten und die unermüdliche Hingabe an die diakonische Arbeit hatten die Schwestern schwer erschöpft. Sie mussten schmerzlich erfahren, dass geben nur kann, wer auch empfängt. Seitdem hat das Gebet bei den Diakonia-Schwestern einen viel größeren Raum bekommen: Jeder Arbeitstag wird von drei Gebetszeiten getragen. Auch wenn eine Schwester auf Reisen ist, hält sie diesen Gebetsrhythmus ein. „Die Arbeit erwächst aus dem Gebet und Beten ist Arbeiten“, sagen sie heute.
Aus der Erfahrung des Innehaltens Ende der 80er-Jahre entstand das „Haus für Spiritualität und Frieden“ in Cheon-An: ein Einkehrhaus in der Nähe von Seoul. Dort werden die Schwestern für ihren Dienst in Mokpo ausgebildet und gestärkt. Dort öffneten die Schwestern ihren Gebetsraum für Suchende über Konfessionsgrenzen hinweg. Dort entstand um das Einkehrhaus herum eine Diakonia-Familie, die heute 30 Mitglieder zählt. Der Bruch Ende der 80er-Jahre war schmerzlich, führte aber zu einem Neuanfang.
Von Südkorea nach Deutschland
Zurzeit sind zwei Schwestern der südkoreanischen Diakonia-Gemeinschaft in Deutschland. Sie kommen jedes Jahr und wohnen dann in der Diakonissenanstalt in Stuttgart. Diesmal sind sie gekommen, um an der der Beerdigung von Dorothea Schweizer teilzunehmen, die am vergangenen Freitag stattgefunden hat. Frau Schweizer ist am 30.8.2024 im Alter von 86 Jahren gestorben. Heute sind die beiden Schwestern zu Besuch bei der EMS: eine Gelegenheit, sie und ihre Arbeit kennenzulernen. In ihrem beigefarbenen Habit sitzen sie konzentriert und bedächtig um den Tisch. Die Gesprächssituation funktioniert wie ein Puzzlespiel: Eine der beiden spricht ein wenig Deutsch. Zwischenzeitlich ist eine Übersetzerin per Smartphone zugeschaltet. Die Schwestern reden mit Tiefsinn und Humor. Es wird nach Worten gesucht. Es wird gelacht und wieder gesucht.
Bemerkenswert ist ihr lebenslanger Einsatz für die Schwachen, die Armen und die Menschen am Rande. Ihr Mut, immer wieder neu anzufangen, ist beeindruckend. Es scheint, als gäbe ihnen die Gemeinschaft eine Kraft, die sie allein nicht hätten.
„Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?“ Die beiden sind sich einig: „Dass wir das Geld und die Kraft haben, unser Mutterhaus fertig zu renovieren. Dass dort eine Zukunft neu beginnt, aus dem Kreis der Diakonia-Familie heraus.“ Die Zukunft: Sie wissen es nicht, aber sie vertrauen auf Gott und machen weiter: Die Menschen im Blick und Gott im Blick.