Mittwoch, 10. Juni 2026
Ein Brief aus der EMS-Geschäftsstelle angesichts der Entwicklungen in Nahost
Die Evangelische Mission in Solidarität (EMS) ruft zur Solidarität mit ihren Mitgliedern in Nahost auf. Zugleich appelliert sie an Politik und Diplomatie, mit aller Kraft für eine sofortige Beendigung der Kampfhandlungen im Nahen Osten, für Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte sowie für die Schaffung der Grundlagen eines friedlichen Zusammenlebens in der Zukunft einzutreten.
Der internationalen EMS-Gemeinschaft gehören weltweit 25 Kirchen und fünf Missionsgesellschaften an; zu ihren Mitgliedern zählen u.a. auch die Nationale Evangelische Kirche von Beirut (NECB), die (anglikanische) Episkopale Diözese von Jerusalem (EDJ) mit Gemeinden und Einrichtungen in Israel, Palästina, dem Libanon, Jordanien und Syrien, sowie der Evangelische Verein für die Schneller Schulen (EVS). Eng verbunden durch das „Studium im Mittleren Osten“ (SiMO) ist die EMS zudem mit der Near East School of Theology (NEST), einem protestantischen theologischen Seminar in Beirut.
Angesichts von Gewalt, Menschenrechtsverletzungen und immer wieder aufflammenden Kampfhandlungen gilt unsere Solidarität zuallererst unseren libanesischen, jordanischen und palästinensischen Geschwistern vor Ort, die sich unter oft schwierigsten Bedingungen für ein friedliches Miteinander, gerechte Teilhabe, umfassende Bildung sowie die medizinische und humanitäre Versorgung von Flüchtlingen und Kriegsopfern einsetzen. Das Engagement von NECB und EDJ, der Schneller-Schulen und der NEST verdient unsere Dankbarkeit, unsere Hochachtung und unsere Unterstützung in Gebet und Tat.
Solidarität und Empathie mit den Opfern gehören für uns untrennbar zusammen. Wir widersprechen energisch, wo das Leiden und die Traumata der Opfer von sexualisierter Gewalt, der Entführungsopfer, der Opfer von Bombardements und von Vertreibungen sowie von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit relativiert, geleugnet oder gar gerechtfertigt werden.
Unsere Mitgliedskirchen vor Ort sind insbesondere betroffen durch die massenhafte Flucht aufgrund der nahezu vollständigen Verwüstung des Südlibanon, das Leiden im zerstörten Gazastreifen, sowie durch (oftmals von den israelischen Sicherheitskräften nicht eingedämmte oder gar geförderte) Siedlergewalt im Westjordanland. Rechtsextreme Kräfte in der israelischen Regierung begünstigen ein Klima des Hasses gegenüber allen, die als „anders“ wahrgenommen werden. Zudem erscheint der Einsatz der sog. „Administrativhaft“ (Inhaftierung ohne Anklage) durch die israelischen Behörden in seinem Umfang als immer weniger nachvollziehbar: Viele Monate lang haben wir u.a. mit Layan Nasir, einer jungen palästinensischen Studentin aus unserer anglikanischen EMS-Mitgliedskirche, und mit ihrer Familie gebangt – bis diese ohne Verurteilung aus der Haft entlassen wurde. Derzeit nehmen wir Anteil am Schicksal von Natalie Abu Dayyeh, einer evangelisch-lutherischen Christin aus Ramallah, die gemeinsam mit anderen Studentinnen nachts aus ihrem Studentenwohnheim heraus verhaftet wurde. Wir fordern unsere Vertreterinnen und Vertreter in Politik und Diplomatie auf, sich nachdrücklich für die sofortige Freilassung solcher jungen Menschen einzusetzen.
Die Gewalt, die von militanten Gruppen wie der Hamas und der Hizbollah ausgeht, hat großes Leid über die gesamte Region gebracht und bedroht im letzteren Fall auch die Integrität des Libanon. Die – notwendige! – Entwaffnung solcher Organisationen sowie der Abbau ihrer militärischen Infrastruktur kann nur gelingen durch eine Stärkung der internationalen Mechanismen im Rahmen der UN und insbesondere der UNIFIL. Dies schließt eine kritische Evaluation und Aufarbeitung von Fehlern in der Vergangenheit nicht aus, sondern umfasst sie ausdrücklich. Die gewählte libanesische Regierung, ihr Premierminister und ihr Ministerpräsident, die sich bereits lange vor der israelischen Invasion für die Wiederherstellung des Machtmonopols ihres Staates eingesetzt haben, verdienen eine starke internationale Unterstützung. Völkerrechtswidrige Maßnahmen einzelner staatlicher Akteure fördern hingegen den Zerfall des Libanon und damit die bleibende Instabilität der gesamten Region.
Politik und Diplomatie, auch in Deutschland, verfügen über Handlungsmöglichkeiten, die beherzter genutzt werden sollten. Daher fordern wir eine völkerrechtlich fundierte Bewertung der aktuellen Kampfhandlungen, verknüpft mit einer konsequenten Anwendung der deutschen Gesetzeslage zum Export von Rüstungsgütern sowie einer Stärkung der genannten internationalen Mechanismen.
Politische und zivilgesellschaftliche Akteure rufen wir dazu auf, jetzt die Grundlagen zu schaffen für ein friedliches Zusammenleben. Es lohnt sich, an der gemeinsamen Zukunft zu arbeiten.
„Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen.“ (Sacharja 8, 4-5)
Wie für Jerusalem, so ist dies unsere Hoffnung für den gesamten Nahen Osten.
Kontakt: Pfarrer Dr. Uwe Gräbe, Fachbereichsleiter Nahost, graebe@ems-online.org
Unser dringender Aufruf
Beten Sie mit uns
- für Frieden und ein Ende der Gewalt
- für Schutz und Kraft für unsere Mitgliedskirchen, ihre Einrichtungen, ihre Gemeindemitglieder und Ehrenamtlichen
- für die vielen Menschen, die fliehen müssen oder geliebte Menschen verloren haben
- für politisch Verantwortliche, die Entscheidungen von großer Tragweite treffen
Helfen Sie mit Ihrer Spende
Ihre Unterstützung wird dringend benötigt, damit wir vor Ort:
- Geflüchtete sicher unterbringen können
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- Kinder und Jugendliche weiter betreuen, schützen und begleiten
Jeder Beitrag an den EMS-Nothilfefonds – ob klein oder groß – kommt Menschen in Krisengebieten und Notlagen zugute, wie jetzt im Nahen Osten.