Mittwoch, 14. Februar 2024
Fasten, wie es Gott gefällt
Theologischer Impuls zu Jesaja 58,6-8
„Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte.“ Jesaja 58,6-8
Die Kapitel 40 bis 55 aus dem Buch Jesaja handeln vom Ende des babylonischen Exils (597 – 539 v. Chr.) und dem neuen Anfang. Das Volk Israel ist aus der Sklaverei befreit und kann wieder aufatmen. Jerusalem wird wieder mit Menschen bevölkert und Gottesdienste können wieder gefeiert werden. Alles scheint perfekt.
Aber schon bald schlägt die Stimmung wieder um. Zumindest bei einigen. Der Prophet Jesaja schaut kritisch auf die heile Fassade: Die sozialen Spannungen und die Kaltherzigkeit sind wieder zur Normalität geworden. Das Problem ist nicht, dass die Menschen vergessen haben, Gott anzubeten. Sie fasten und feiern Gottesdienste. Aber für sich selbst. Für ihr religiöses Gefühl, nicht mit dem Blick nach oben. Nicht mit dem Blick zum Nächsten.
„Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!“
Jesaja hinterfragt diese religiöse Praxis. Er zeigt, worin für Gott der wirkliche Sinn vom Fasten liegt. Und gleichzeitig verspricht der Prophet: Wer zum eigentlichen Fasten zurückfindet, der wird die Nähe Gottes erfahren wie nie zuvor. Jesajas Botschaft ist, dass Gott nicht dort zu finden ist, wo die Leute ihn vermuten – in den Gottesdiensten, im Fasten, in den Gebeten. Die größte Nähe zu Gott, die sich Jesaja vorstellen kann, ist dort zu finden, wo Gerechtigkeit geübt wird. Dort, wo es Gemeinschaft ohne Ungerechtigkeit gibt. Gott ist nahe, wo Menschen sich um die Bedürftigen kümmern, wo sie den Obdachlosen Wohnung geben und den Entrechteten Recht verschaffen. Dort wird Gott sein und dort wird Licht sein.
Wie könnten wir diese Worte nicht als Infragestellung unserer eigenen Glaubenspraxis verstehen? Wenn wir diese Passage aus Jesaja ernst nehmen, muss die größte Anfrage an unsere Glaubenspraxis zurzeit sein, wie wir Gottesdienst feiern können, während Menschen hungern. Während Menschen keinen Zugang zu Medikamenten haben. Während Menschen im Gefängnis landen, weil sie ihrer Meinung eine Stimme gaben.
Für Jesaja liegt Gottesnähe im Handeln für den Nächsten. Gerechtigkeit zuerst, dann religiösen Rituale und Gottesdienst. Können wir das für unsere Kirchen sagen? Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie eine Kirche der Gerechtigkeit nach Jesajas Vorbild aussieht. Ich möchte auf Gottesdienste nicht verzichten. Ich brauche Menschen, die mit mir überlegen, wie so eine Kirche der Gerechtigkeit aussieht. Was sich verändern müsste, damit wir näher an die Vision Jesajas herankommen. Näher zu Gott.
Jesaja malt aus, wohin der Weg der Gerechtigkeit führt. Wer sich von der Gerechtigkeit führen lässt, wird mehr finden als er braucht: Wo Menschen sich für Gerechtigkeit einsetzen, da werden sie selbst auch nicht zu kurz kommen. Davon ist Jesaja überzeugt. Und ich auch.
Felix Weise
Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg
Er arbeitet in der Pressestelle und im Landespfarramt für Rundfunk und Fernsehen.