Mittwoch, 08. März 2023

Internationaler Frauentag: Rückschritte bei der Gleichstellung

EKKW-Bischöfin Hofmann: „Gewalt gegen Frauen ist kein Kavaliersdelikt und keine Petitesse“

Wenn Paulus im Galaterbrief 3,28 schreibt: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“ – dann spricht er von der Gleichrangigkeit aller Menschen, so Beate Hofmann, die Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW).

Heute ist internationaler Frauentag, zu dem sich der UN-Generalsekretär António Guterres am Montag vor der Uno-Vollversammlung in New York äußerte. Er warnte vor massiven Rückschritten bei den Rechten von Frauen und Mädchen weltweit. Die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern rücke "in immer weitere Ferne".

Die Rechte der Frauen würden überall auf der Welt "missbraucht, bedroht und verletzt", sagte Guterres in seiner Rede zur Eröffnung einer zweiwöchigen Sitzung der UN-Frauenrechtskommission anlässlich des bevorstehenden Internationalen Frauentags am 8. März.

Seit jeher müssen Frauen um ihre Gleichstellung kämpfen, sei es das Wahlrecht, ihr Arbeitsleben, sexuelle Selbstbestimmung. Seit jeher erfahren Frauen Gewalt, in häuslichen wie in öffentlichen Bereichen.

Die EMS verbindet Frauen weltweit durch ein Netzwerk von Frauen in den EMS-Mitgliedskirchen und darüber hinaus. Es geht um Solidarität miteinander, aber auch um eine aktive Kampfansage gegen geschlechterspezifische Gewalt. Im Magazin „OUR VOICES" stellen wir ein Handbuch vor, das zu besserem Verständnis verhilft, das praktische Anleitungen für alle enthält, die sich der Bedrohung  entgegenstellen, das Vernetzen einfach macht.

Wir danken Frau Dr. Hofmann, Bischöfin der EKKW, für ihr Grußwort zu dieser Ausgabe des OUR VOICES. Wir hoffen, diese deutlichen Worte andere Kirchenleitende weltweit anregen, sich ihrer Stimme anzuschließen und damit ein Zeichen der weltweiten Kirche gegen geschlechtsspezifische Gewalt setzen.

Grußwort der EKKW-Bischöfin Hofmann zum OUR VOICES – die Publikation des EMS-Frauennetzwerkes

info_outline

Liebe Leserin, lieber Leser,

Lucy ist Anfang 40, hat zwei Kinder, ein blau marmoriertes Gesicht und einen gebrochenen Arm, nachdem ihr Mann sie brutal misshandelt hat. Die Nachbarn haben die Polizei informiert, als sie sie schreien hörten. Mit Hilfe der Polizei ist sie im Frauenhaus gelandet. Ich bin ihr als Studentin begegnet während eines Praktikums. In den Selbsthilfegruppen für Betroffene habe ich Frauen aus allen sozialen Milieus kennengelernt. Die meisten haben sich schrecklich geschämt, dass ihnen „so etwas“ passiert. Und aus Scham haben sie geschwiegen - und sind bei dem schlagenden Mann geblieben. Bis es irgendwann nicht mehr ging, bis sie – oft aus Todesangst – den Schritt gewagt haben heraus aus der Beziehung, oft verbunden mit großen Anstrengungen hin zu neuer Selbständigkeit und neuem Selbstwerterleben.

Meine Erfahrungen liegen jetzt viele Jahre zurück, aber maßgeblich geändert hat sich die Situation seitdem nicht.

Eigentlich sollte es selbstverständlich sein und doch muss man es auch heute immer wieder klarstellen: Gewalt gegen Frauen ist kein Kavaliersdelikt und keine Petitesse. Sie ist hierzulande keine Seltenheit und nach wie vor quer durch alle Milieus gegenwärtig.  Die Zahlen dazu sprechen Bände: „Laut des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben hat in Deutschland bereits jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt erlebt. Besonders bei Streitigkeiten in Partnerschaften werden in erster Linie Frauen zum Opfer häuslicher Gewalt. Geschlechtsspezifische Gewalt kann unterschiedliche Formen annehmen und reicht von physischer, körperlicher oder sexueller Gewalt innerhalb der Partnerschaft bis hin zu sexueller Belästigung im öffentlichen Raum.“ (https://de.statista.com/themen/6635/gewalt-gegen-frauen/)

Gewalt gegen Frauen ist zudem immer noch ein Instrument der Kriegsführung. Das zeigt der Blick in die Kriegsschauplätze unserer Zeit, sei es in der Ukraine, im Jemen, im Kongo. Das darf nicht so bleiben!

Ich bin froh, dass sich inzwischen Kirchen weltweit mit Gewalt gegen Frauen auseinandersetzen. Denn lange Zeit wurde Religion auch hier missbraucht, um die Unterordnung der Frau zu rechtfertigen und sexualisierte Gewalt zu legitimieren. Doch das verfehlt die christliche Botschaft. „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus." (Gal 3,28)

Aus dieser Einheit in Christus folgt zum einen die Gleichrangigkeit aller Menschen, zum anderen der gewaltfreie Umgang miteinander. Aber die Umsetzung dieser Vision bringt immer noch viele Herausforderungen mit sich. Eines unserer Ziele ist es, dass Kirchen und Gemeinden weltweit zu einem Raum werden, in dem Menschen jeden Alterns leidvolle Gewalt-Erfahrungen zur Sprache bringen können, wo sie ein offenes Ohr finden, ernstgenommen, beraten und unterstützt werden. Um einen solchen „Sprach-Raum“ zu ermöglichen, brauchen wir einen Kulturwandel. Wo bisher Schweigen, Beklemmung, Tabuisierung, manchmal auch Vertuschung und Wegschauen dominiert haben, müssen wir üben, Gewalt gegen Frauen wahrzunehmen, ihr vorzubeugen und miteinander darüber zu sprechen.

Das vorliegende Heft kann dazu einen wichtigen Beitrag liefern. Es bietet Informationen, Erfahrungen, theologische Aspekte und konkrete Modelle für Bildungsveranstaltungen und Gottesdienste.
Möge es dazu beitragen, dass das Schweigen gebrochen wird und betroffene Frauen und Mädchen eine Stimme und Gehör finden.

Eine anregende Lektüre wünscht

Beate Hofmann
Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck

OUR VOICES – Gewalt an Frauen und Mädchen: Was wir tun können