Donnerstag, 02. Juli 2026
Deutsch‑koreanische Solidarität: KBS‑Interview mit Pfarrer Dr. Winfried Glüer
Erinnerung an den 46. Jahrestag des Gwangju‑Demokratieaufstands in Südkorea
Anlässlich des 46. Jahrestages des Gwangju‑Demokratieaufstands vom 18. Mai 1980 interviewte der südkoreanische öffentlich‑rechtliche Sender Korean Broadcasting System (KBS) den 94‑jährigen Pfarrer Dr. Winfried Glüer. Während der Zeit der Militärdiktatur unterstützte er von Deutschland aus aktiv die Demokratisierungsbewegung in Korea.
Eine Schlüsselfigur der internationalen kirchlichen Zusammenarbeit
Von 1978 bis 1994 war Glüer als Ostasien-Referent in der Geschäftsstelle der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS) in Stuttgart tätig und zugleich Geschäftsführer der Deutschen Ostasienmission (DOAM). In dieser Zeit spielte er eine zentrale Rolle sowohl bei der Unterstützung der südkoreanischen Demokratisierungsbewegung als auch beim Ausbau der Zusammenarbeit zwischen den EMS-Mitgliedskirchen in Ostasien.
Das Interview wurde in Glüers Wohnung im fränkischen Ansbach geführt – in Anwesenheit des KBS‑Reporterteams, von Pfarrer Dr. Kang‑Hee Han, EMS Fachbereichsleiter Ostasien, sowie von Pfarrerin Heekyung Jeong, Doktorandin an der Universität Mainz.
Historischer Hintergrund: Der Gwangju‑Demokratieaufstand
Der Gwangju-Demokratieaufstand (18.–27. Mai 1980) war eine bedeutende demokratische Widerstandsbewegung, bei der Bürgerinnen und Bürger gegen das Militärregime unter Chun Doo-hwan aufbegehrten. Er war Teil eines umfassenderen Kampfes gegen die autoritäre Herrschaft, die seit der Einführung des sogenannten Yushin-Systems durch den früheren Präsidenten Park Chung-hee im Jahr 1972 bestand.
Dieses System war geprägt von einer starken Machtkonzentration, eingeschränktem politischem Pluralismus sowie einer ausgeprägten Betonung von nationaler Sicherheit und wirtschaftlicher Entwicklung. Durch die Bündelung exekutiver Gewalt und die Aushöhlung demokratischer Kontrollmechanismen führte es zu erheblichen Einschränkungen bürgerlicher und politischer Freiheitsrechte.
In dieser Zeit engagierten sich Teile der koreanischen protestantischen Gemeinschaft auf Grundlage christlicher Werte wie Menschenrechte, Gerechtigkeit und Frieden für die Demokratiebewegung. Kirchen weltweit – insbesondere in Deutschland – spielten eine wichtige Rolle bei der Unterstützung dieser Bestrebungen.
Im Interview berichtete Glüer von seinem Besuch in Südkorea am 27. Oktober 1979, also wenige Monate vor dem Gwangju-Aufstand, als sich bereits deutliche Anzeichen einer zunehmenden autoritären Entwicklung zeigten. Während dieses Aufenthalts traf er Theologiestudierende der Presbyterianischen Kirche von Korea (Tonghap), einer EMS-Mitgliedskirche, die sich an prodemokratischen Aktivitäten beteiligten.
Er schilderte zudem erschütternde Gewaltakte in der Nähe des Gebäudes der Young Women’s Christian Association (YWCA) in Gwangju: „Ara Cho, eine Demokratieaktivistin, zeigte auf eine Tür voller Einschusslöcher. ‚Hier saß unser Mitarbeiter am Empfang‘, sagte sie. ‚Er wurde durch diese geschlossene Tür erschossen – genau hier haben wir ihn tot aufgefunden.‘ Dieses Erlebnis hat mich tief geprägt und bis ins Innerste erschüttert.“
Internationale Reaktionen und kirchliche Solidarität
Informationen über die Ereignisse in Gwangju wurden rasch über die Netzwerke der EMS nach Deutschland weitergegeben. Berichte über die gewaltsame Niederschlagung der Zivilbevölkerung durch das Militär schockierten die deutschen Kirchen und führten zu einer breiten Verbreitung von Artikeln, Plakaten und weiteren Materialien, die im ganzen Land Aufmerksamkeit erzeugten.
Finanzielle Unterstützung, die von der EMS und anderen deutschen Kirchen gesammelt wurde, gelangte später über Pfarrer Paul Schneiss (1933–2022), damals ein EMS-Partner in Japan, nach Südkorea. Diese Mittel halfen den Familien von im Zusammenhang mit dem Aufstand Inhaftierten und stärkten die Solidarität mit koreanischen Christinnen und Christen, die Repressionen ausgesetzt waren.
Das Interview mit Pfarrer Glüer wurde am 18. Juni landesweit in Südkorea von KBS ausgestrahlt. „Es stellt ein wertvolles historisches Zeugnis dar, das die Solidarität zwischen koreanischen und deutschen Kirchen – insbesondere die Rolle und Beiträge der EMS – in der Geschichte der südkoreanischen Demokratisierungsbewegung sichtbar macht“, resümierte Kang Hee Han.
Das Video mit dem Interview:
https://www.youtube.com/watch?v=f3-zVEPHJY8