Donnerstag, 23. Juli 2026
Mission zwischen Kritik, Wandel und neuer Verantwortung
„Mission – geht’s noch?“ Diese zugespitzte Frage begegnet heute immer wieder – nicht nur in theologischen Debatten, sondern auch im gesellschaftlichen Diskurs. Kritische Stimmen verbinden den Begriff nach wie vor mit Bevormundung, kultureller Überheblichkeit und kolonialer Geschichte. Tatsächlich war Mission lange Zeit eng verwoben mit Machtstrukturen, die aus heutiger Perspektive problematisch erscheinen.
Pfarrerin i.R. Dorothee Gammel nimmt diese Spannung ernst. Inspiriert vom Buch „Mission – geht‘s noch?“ (Hrsg. Claudia Währisch-Oblau) machte sie bei einem Geschwistertreffen der BMDZ im März deutlich, wie sich das Missionsverständnis durch die Jahrhunderte und Jahrzehnte verändert hat und noch verändert.
Ein historischer Wendepunkt
Bereits nach dem Ersten Weltkrieg begann innerhalb der Missionsbewegung ein Umdenken. Das Selbstverständnis vieler Missionare – geprägt von der Annahme, mit dem christlichen Glauben zugleich eine „höhere Zivilisation“ zu bringen – wurde erschüttert. Neue theologische Ansätze hinterfragten dieses Überlegenheitsdenken und führten zu einer kritischeren Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle.
Für Gammel ist dieser Wandel entscheidend: „Das Selbstbewusstsein ‚Wir bringen die bessere Welt‘ ist längst angeknackst – und das ist gut so.“ Stattdessen gehe es heute darum, Fehler zu erkennen und aus ihnen zu lernen.
Mission auf Augenhöhe
Im Zentrum einer zeitgemäßen Mission steht für Gammel ein Begriff: Partnerschaft. „Ja, Mission geht noch – aber sie muss auf Augenhöhe geschehen.“
Das bedeutet: Christinnen und Christen aus verschiedenen Ländern, Kulturen und Kirchen begegnen sich nicht als Lehrende und Lernende, sondern als gleichberechtigte Partner. Sie fragen gemeinsam: Was ist zu tun? Was ist vielleicht auch zu lassen? Dabei gehören Widerspruch, gegenseitiges Lernen und gemeinsames Feiern gleichermaßen dazu.
Mission wird so zu einem dialogischen Prozess – offen, selbstkritisch und dynamisch.
Gottes Wirken – auch außerhalb der Kirche?
Ein besonders spannender Aspekt heutiger missionstheologischer Diskussionen ist die Frage nach dem Wirken Gottes jenseits kirchlicher Strukturen. Gammel greift diese Perspektive bewusst auf: „Wir müssen fragen, ob Gottes Geist nicht auch dort wirkt, wo Menschen sich für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einsetzen – auch ohne ausdrücklich christliche Motivation.“
Diese Sicht weitet den Blick: Mission ist nicht länger nur an kirchliche Programme gebunden, sondern Teil einer umfassenderen Bewegung hin zu einer gerechteren Welt.
Nicht Wachstum, sondern Auftrag
Ein weiterer Perspektivwechsel betrifft die Zielsetzung von Mission. Für Gammel ist klar: „Es geht nicht um die Stärkung und Ausbreitung der Kirchen, sondern um die Teilhabe an Gottes Mission für die Welt.“
Damit verschiebt sich der Fokus weg von institutionellem Wachstum hin zu einer inhaltlichen Frage: Was entspricht dem Auftrag Jesu Christi? Erfolg wird nicht mehr statistisch gemessen, sondern ethisch und geistlich reflektiert.
Die Herausforderung der Selbstkritik
Doch trotz aller Fortschritte warnt Gammel vor Selbstzufriedenheit. „Ja, Mission geht noch – aber machen wir es uns mit dieser Antwort nicht zu einfach!“
Eine zentrale Herausforderung besteht weiterhin im Umgang mit Macht und Ressourcen. Wer finanziell stärker ist, hat oft mehr Einfluss – ein Ungleichgewicht, das auch in partnerschaftlichen Strukturen bestehen bleibt. Deshalb fordert Gammel eine kontinuierliche Selbstprüfung: „Wie verhindern wir, dass finanzielle Stärke über Entscheidungen bestimmt?“
Fazit
Die Antwort auf die Ausgangsfrage bleibt bewusst differenziert. Mission ist möglich – aber nicht mehr in den alten Mustern. Sie verlangt Demut, Dialog und die Bereitschaft zur Selbstkritik.
Oder, wie Dorothee Gammel es prägnant zusammenfasst: „Ja, Mission geht noch – aber nur, wenn sie sich verändert: hin zu echter Partnerschaft, gegenseitigem Lernen und einem gemeinsamen Suchen nach Gottes Wirken in der Welt.“