Donnerstag, 23. Juli 2026

Vom „Missionsbefehl“ zur Lerngemeinschaft

Neue Perspektiven auf Matthäus 28,16–20

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Kaum ein biblischer Text hat die christliche Missionsgeschichte so geprägt wie Matthäus 28,16–20. Oft als „Missionsbefehl“ bezeichnet, galt er seit dem 18. Jahrhundert – nicht zuletzt durch den englischen Missionar William Carey – als zentrale Grundlage für das missionarische Handeln der Kirche. Doch eine genauere Auslegung zeigt: Der Text ist weitaus offener und vielschichtiger, als es die traditionelle Deutung vermuten lässt.

Pfarrer i.R. Dr. Bernhard Dinkelaker war von 1996 bis 2012 Generalsekretär der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS). Auf Grundlage des Buchs „Mission – geht‘s noch?“ (Hrsg. Claudia Währisch-Oblau) plädierte er bei einem Geschwistertreffen der BMDZ für einen differenzierten Blick.

„Die Bezeichnung ‚Missionsbefehl‘ ist problematisch und legt ein koloniales Eroberungsprogramm nahe.“ Tatsächlich stammt die gängige Vorstellung eines klaren Auftrags mit eindeutigen Handlungsanweisungen stark aus späteren Interpretationen – weniger aus dem biblischen Text selbst.

 Ein genauerer Blick auf den Wortlaut

Besonders deutlich wird das bei der Sprache. Während die Lutherübersetzung mit vier Imperativen arbeitet – „gehet hin“, „machet zu Jüngern“, „taufet“, „lehret“ –, findet sich im griechischen Original nur eine einzige Aufforderung: das Verb mathēteusate.

Dinkelaker erklärt: „Im Text steht nur ein Imperativ – alles andere sind Partizipien. Das verändert die Perspektive grundlegend.“ Statt eines strikten Befehlsprogramms entsteht so das Bild eines Prozesses: Menschen sind unterwegs, lernen, handeln, wachsen. Mission erscheint weniger als Auftrag von oben, sondern als Bewegung.

Lernen statt Belehren

Besonders spannend ist die Bedeutung des zentralen Verbs mathēteusate, das in der Bibel nur an dieser Stelle vorkommt. Traditionell wird es mit „machet zu Jüngern“ übersetzt. Doch auch diese Deutung greift zu kurz.

Dinkelaker schlägt eine ungewohnte, aber aufschlussreiche Variante vor: „Zutreffender wäre: ‚lernt sie‘ – also ladet sie in eure Lerngemeinschaft ein.“ 

Mission wird so nicht als einseitige Belehrung verstanden, sondern als gemeinsames Lernen. Alle Beteiligten – die ursprünglichen Jünger ebenso wie die neu Hinzukommenden – sind Lernende auf einem gemeinsamen Weg.

Bewegung statt Befehl

Auch die bekannte Wendung „gehet hin“ erhält in diesem Licht eine neue Bedeutung. Das zugrunde liegende griechische poreuthentes bedeutet eher: als sich Aufmachende, Aufbrechende, unterwegs Seiende.

„Es geht nicht um ein gezieltes Aussenden in ferne Gebiete“, so Dinkelaker, „sondern um ein Leben in Bewegung – dort, wo Menschen ohnehin unterwegs sind.“ 

Mission geschieht also nicht zuerst durch strategische Planung, sondern im Alltag, im Aufbruch, in Begegnungen.

 „Taufen“ neu verstanden

Ein weiterer Schlüsselbegriff ist das „Taufen“. Doch auch hier lohnt sich der Blick hinter die kirchlich geprägte Begrifflichkeit. 

Das griechische baptizontes bedeutet wörtlich „als Eintauchende“. Für Dinkelaker ist klar: „Die spätere kirchliche Praxis verengt den ursprünglichen Sinn. Gemeint ist ein Hineinnehmen in den Lebens- und Wirkungsbereich Gottes.“

Mission heißt damit nicht ein einmaliger ritueller Akt, sondern ein fortlaufender Prozess – vergleichbar mit dem, was man heute „learning by immersion“ nennen würde.

Eine unperfekte Gemeinschaft

Bemerkenswert ist auch, wer in diesem Text handelt. Es sind nicht die zwölf vollständigen Apostel, sondern elf Jünger – eine unvollständige, verunsicherte Gruppe.

„Das sind keine Vorzeigehelden des Glaubens“, betont Dinkelaker, „sondern eine zweifelnde Gemeinschaft von Lernenden.“

Gerade diese Unvollkommenheit macht den Text für die Gegenwart relevant: Mission geht nicht von perfekten Menschen aus, sondern von Suchenden.

Ein unerwarteter Ort

Auch der Ort ist bedeutsam: nicht Jerusalem, nicht ein religiöses Zentrum, sondern Galiläa – eine Region am Rand, geprägt von kultureller Vielfalt.

Hier wird deutlich: Mission beginnt nicht im Zentrum der Macht oder der „richtigen“ Religion, sondern an den Rändern, in gemischten Kontexten, in Übergangsräumen.

 Offen für alle Menschen

Die Adressaten schließlich sind panta ta ethnē – ein Begriff, der oft mit „alle Völker“ übersetzt wird. Doch auch hier warnt Dinkelaker vor Missverständnissen: „Gemeint sind nicht homogene Nationen, sondern grundsätzlich alle Menschen – ohne Einschränkung.“

Mission richtet sich damit nicht an abgegrenzte Gruppen, sondern ist offen und inklusiv.

 Leben statt Belehrung

Was aber sollen die Lernenden leben und weitergeben? Der Text spricht davon, „alles zu halten“, was Jesus geboten hat. Dinkelaker fasst das in drei Kernaussagen zusammen: Umkehr, Nachfolge und sichtbares Handeln im Alltag.

„Es geht um ein Leben, das sichtbar macht, wer Gott ist – nicht um ein reines Lehrprogramm“, sagt er. 

Mission zeigt sich in gelebter Praxis.

Zusage statt Zeitplan

Am Ende steht die bekannte Verheißung: „Ich bin bei euch alle Tage.“ Der griechische Ausdruck verweist auf die alles umfassende Vollendung von Gottes Verheißung, nicht nur auf eine lineare Zeitspanne.

Für Dinkelaker bedeutet das: „Die Gegenwart Jesu ist keine begrenzte Zusage, sondern eine bleibende Wirklichkeit – getragen von seiner Vollmacht.“

Eine neue missionarische Perspektive

Die Auslegung von Matthäus 28,16–20 führt zu einer grundlegenden Neubewertung:

  • Mission ist kein Befehlssystem, sondern eine Beziehungsgeschichte.
  • Sie geschieht im gemeinsamen Unterwegssein an den Rändern, nicht von einem Machtzentrum aus.
  • Sie lädt ein zum gemeinsamen Lernen und Entdecken, wo Gottes Reich als Vorgeschmack bereits jetzt spürbar und erlebbar wird.
  • Sie ist offen für alle und bleibt selbstkritisch.

Oder, zugespitzt mit den Worten von Bernhard Dinkelaker:„Der Text beschreibt keine Eroberungsstrategie, sondern eine Bewegung von Lernenden, die andere in diese Bewegung einladen.“ 

Damit wird aus dem vermeintlichen „Missionsbefehl“ etwas Verlockendes: eine Einladung – zu einem gemeinsamen Weg, auf dem Menschen miteinander und mit Gott lernen.