Mittwoch, 14. Oktober 2026
Vom „Zu-den-anderen“ zum „Miteinander“
Dieter Bullard-Werner blickt auf 17 Jahre interkulturellen Lernens und weltweiter Begegnung
Seit 2009 prägt Pfarrer Dieter Bullard-Werner als Geschäftsführer die Arbeit der Basler Mission – Deutscher Zweig (BMDZ). Zum Jahresende verabschiedet er sich in den Ruhestand. Im Gespräch mit Astrid Weyermüller zieht er Bilanz – und spricht über prägende Erfahrungen, Herausforderungen und besondere Momente seiner Amtszeit.
Kannst du dich an deine ersten Begegnungen oder Kontakte mit der BMDZ erinnern?
Meine Großmutter war eine der Sammlerinnen für die Halbbatzen-Kollekte der Basler Mission – eine Tradition, die es seit rund 180 Jahren gibt. Diese Sammlungen dienen dazu, Missionare und später auch Missionarinnen und heute die Projektarbeit von Mission 21 zu unterstützen. Die Sammlungen stärkten die Verbindung der Gemeindemitglieder zur Mission, besonders wenn Missionare während ihres Heimaturlaubs aus erster Hand von ihren Erfahrungen berichteten. Ich erinnere mich noch an den Besuch eines Basler Missionars, der nach Kamerun ausgesandt war und nach seiner Rückkehr im Gottesdienst und im Kindergottesdienst von seiner Arbeit berichtete und dadurch etwas spürbar wurde von einer weltweiten Kirche.
Während meines Theologiestudiums in Tübingen, Berkeley USA und Bern in der Schweiz kam ich in Berührung mit Befreiungstheologie, feministischer Theologie und der Frage des Pluralismus von Lebens- und Glaubensformen. In unserer ersten Gemeindepfarrstelle luden meine Frau – ebenfalls Pfarrerin – und ich zu Pfingsten regelmäßig die ausländischen Mitarbeitenden des Dienstes für Mission, Ökumene und Entwicklung (DiMOE) ein. Während meiner Zeit als Studierendenpfarrer nahm der Gesprächskreis mit internationalen Studierenden eine zentrale Rolle ein. Das war auch eine Motivation, mich auf die Position der Geschäftsführung der Basler Mission – Deutscher Zweig (BMDZ) zu bewerben, als 2008 ein Stellenwechsel anstand. Die traditionsreiche und zugleich kontinuierlich im Wandel befindliche Missionsgesellschaft Basler Mission hatte mein Interesse geweckt.
Seit Juli 2009 bist du Geschäftsführer der BMDZ und gehst Ende 2026 in den Ruhestand. Was waren in diesen Jahren herausragende Momente?
Meinen Dienst begann ich im Sommer 2009 im Rahmen des jährlichen Missionsfestes der BMDZ, das in Bad Sebastiansweiler bei Tübingen stattfand. Dabei handelt es sich um eine Rehabilitationsklinik, die von der Basler Mission betrieben wurde und lange Zeit auch Missionarinnen und Missionaren während ihres Heimaturlaubs zur Erholung diente. Während der Corona-Pandemie wurden die Missionsfeste schließlich eingestellt.
Satzungsgemäß ist die BMDZ ein Sammel- und Förderverein, der sowohl Fundraising betreibt als auch inhaltliche Arbeit leistet, hauptsächlich zugunsten von Mission 21. Zu meinen Aufgaben gehörte die Betreuung der Sammlerkreise für die Halbbatzen-Kollekte. Dies umfasste die Gestaltung von Gottesdiensten, Gemeindeabenden, Konfirmandenunterricht sowie Seminaren, um Informationen über Entwicklungen in den Partnerkirchen und die Hilfsprojekte vor Ort in die Kirchengemeinden zu vermitteln.
Auch die Teilhabe an den Erfahrungen der älteren Missionarinnen und Missionare war für mich besonders bereichernd. Die regelmäßigen Begegnungen und Gespräche mit ehemaligen Missionarinnen und Missionaren – später auch mit ökumenischen Mitarbeitenden – aus der Basler Tradition beim sogenannten „Geschwistertreffen“ verdeutlichen den Wandel im Missionsverständnis, etwa im Blick auf Themen wie interreligiöser Dialog sowie das Spannungsfeld von Mission und Kolonisation. Dieser Wandel zeigt sich auch in den Lebensgeschichten und Biografien der Geschwister.
Die vielen Begegnungen mit Menschen aus den Partnerkirchen in Nigeria, Kamerun, Ghana, dem Südsudan, Indien, Malaysia, Hongkong und China waren genauso prägend. Ich hatte beispielsweise die Gelegenheit, mit der nigerianischen Theologin Susan Mark von der Kirche der Geschwister (EYN), einer Friedenskirche, zwei Wochen Veranstaltungen und Gottesdienste in der Württembergischen Landeskirche zu gestalten. Es war beeindruckend aus ihrem Mund zu hören, wie die Kirche islamistischem Terror von Boko Haram ausgesetzt ist und damit umgeht. Wie trotz Erfahrung von Gewalt, Gegengewalt abgelehnt wird und Gewaltopfern, besonders traumatisierten Frauen und Mädchen, unabhängig von ihrer Religion geholfen wird.
Während meiner 17 Jahre als Geschäftsführer der BMDZ hatte ich zudem die Freude, zehn Workcamps sowie sechs Chor-Begegnungsreisen für junge Erwachsene in Malaysia, China, Kamerun und Deutschland zu organisieren und mitzuverantworten. Diese Projekte waren Höhepunkte interkulturellen Lernens – auch für mich persönlich.
Ein weiterer wichtiger Lernort waren die 14 Seminarfreizeiten in der Schweiz und in Deutschland zu Missionsthemen, an denen zahlreiche Gesprächspartnerinnen und -partner aus den Partnerkirchen beteiligt waren.
Die zahlreichen Direktpartnerschaften, beispielsweise zwischen Kirchenbezirken aus Kamerun und Baden, zu begleiten sind für mich und meinen Kollegen Pfarrer Alfred Moto-poh eine wichtige Aufgabe, auch für die Zukunft der BMDZ.
In den letzten Jahren genießen Alfred Moto-poh und ich die Zusammenarbeit mit den Migrationsgemeinden PCC Kamerun und PCG Ghana in Stuttgart, die zur Basler Familie gehören. Uns bewegen in diesem Zusammenhang einige Fragen: Wie können wir gemeinsam Kirche sein und unseren Glauben leben? Wie kann die BMDZ dieses Engagement mit den Migrationsgemeinden, der EMS und der Landeskirche fortsetzen?
Mit welcher Haltung gehst du an deine Arbeit und die Begegnungen heran, die sich daraus entwickeln?
Es geht darum, Orte des interkulturellen Lernens zu schaffen; Orte, an denen die Vielfalt des Glaubens und Lebens erfahren werden sollen.
Für mich ist entscheidend, dass alle Teilnehmenden, besonders auch die Vertreterinnen und Vertreter der Partnerkirchen, frei berichten können, ohne bestimmte Erwartungen berücksichtigen zu müssen; also ohne Schere im Kopf. Alles darf gesagt werden. Es geht um Offenheit, Zuhören und vertrauensvollen, echten Austausch. Wir haben mit einigen dieser Kirchen eine jahrhundertealte Geschichte. Diese gemeinsame Verantwortung gilt es in die Zukunft zu tragen. Deshalb steht der Verein vor der schwierigen Aufgabe möglichst viele dieser Begegnungsorte zu bewahren oder neue zu schaffen.
Was bedeutet „Mission“ für dich persönlich?
Mission bedeutet für mich die ehrliche Begegnung von Menschen unterschiedlicher Herkunft, die zum Teil eine gemeinsame Geschichte haben und im Glauben verbunden sind. Dieser Glaube kann sich auf vielfältige Weise ausdrücken; er gründet jedoch auf der Bibel und in der bleibenden Aufgabe, ein gemeinsames Grundverständnis des Glaubens zu suchen.
Ich bin überzeugt, dass es Kirche und Gesellschaft guttut, wenn solche weltweiten Beziehungen gepflegt werden. Eine tragfähige Beziehung lebt davon, die Situation des Gegenübers wahrzunehmen, Freude und Leid zu teilen und daraus Formen der Solidarität zu entwickeln.
Im Zuge ihres 200-jährigen Jubiläums hat sich die Basler Mission im Jahr 2015 intensiv mit ihrer eigenen Geschichte auseinandergesetzt. Während Mission früher häufig von einem bevormundenden Ansatz geprägt war, stehen heute Begegnung auf Augenhöhe sowie gemeinsame Gestaltung und Entscheidungsfindung im Mittelpunkt. Christlicher Glaube soll sich in Wort und Tat sowie in gelebter Gemeinschaft ausdrücken. Aus einem „Unterwegs zu den Anderen“ ist ein „Miteinander unterwegs sein“ geworden.
Welche Aufgaben siehst du in der aktuellen Weltlage für ein Missionswerk oder einen Missionsverein – in Deutschland, Europa und weltweit?
Eine zentrale Aufgabe ist Kommunikation: gemeinsam auf das Leben zu schauen und es zu gestalten. Das Besondere unserer Mission liegt in ihrem christlich-jesuanischen Menschenbild, in dem Glaube, Hoffnung und Liebe Ausdruck finden. Mission bedeutet auch, immer wieder das scheinbar Unmögliche zu wagen: von Gott zu sprechen.
Zu den ersten Grundsätzen der 1815 gegründeten Basler Mission gehörten die Verbreitung des Evangeliums des Friedens und die Förderung einer „wohltätigen Zivilisation“. Ich bin überzeugt, dass diese Anliegen bis heute ihre Gültigkeit haben.
Dazu gehört Neugier – die Bereitschaft, über den eigenen Horizont hinauszublicken und sich auf andere Perspektiven einzulassen. Das ist nicht immer einfach, aber unerlässlich.
Die Freiheit, zu der wir im Glauben berufen sind, bildet für mich eine wesentliche Grundlage meines Lebens und Arbeitens – insbesondere im Blick auf die Religionsfreiheit. Rosa Luxemburg hat es treffend formuliert: „Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden.“
Zugleich sollten Strukturen und Ordnungen Räume eröffnen, in denen Menschen sich entfalten können – auch jene, die beispielsweise aufgrund einer Behinderung am Rand stehen. Es bleibt eine dauerhafte Herausforderung, engagierte Menschen zu unterstützen und zugleich kritisch zu begleiten.
Nach rund 17 Jahren als Geschäftsführer der BMDZ stehst du kurz vor dem Ruhestand …
Mit den Worten von Johannes Petzold: „Der hat sein Leben am besten verbracht, der die meisten Menschen hat froh gemacht.“
Dieses „Froh-Machen“ bedeutet für mich, auf unterschiedlichen Ebenen und in Freiheit füreinander da zu sein sowie gemeinsam Lasten zu tragen. In diesem Sinne schaue ich dankbar auf meine Arbeit zurück, die mir auch selbst viel Frohmachendes geschenkt hat.
Ich lade euch als meine Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter herzlich zur offiziellen Verabschiedung am 10. und 11. Oktober ein.
Das Interview führte Astrid Weyermüller