Donnerstag, 16. Januar 2025
Waffenstillstand in Gaza: Zwischen Erleichterung und Skepsis
Kommentar von EMS-Nahostreferent Uwe Gräbe
Abermals werden Bilder aus dem Innenhof des Ahli Arab Hospitals in Gaza von den internationalen Nachrichtensendern übertragen. Die anglikanische EMS-Mitgliedskirche in Jerusalem betreibt dieses Krankenhaus, welches in den vergangenen Monaten oft in den Nachrichten zu sehen war. Doch diesmal zeigen die Bilder keine Raketenexplosionen, sondern junge Menschen, die ins Freie strömen, und denen die Erleichterung ins Gesicht geschrieben ist. Da in der Ecke steht die historische St.-Philipps-Kirche, die nun monatelang zum Krankensaal umfunktioniert war, hier der Block mit der Krebsdiagnostik im Obergeschoss, und dort die markanten Paneele der Photovoltaikanlage. Überall sind Kriegsschäden erkennbar – aber immerhin: Das Krankenhaus steht, an diesem Abend des 15. Januar, als in Qatar der Waffenstillstand für den Gazastreifen verkündet wird.
Nein, es ist kein Grund zu lautem Jubel. Zu groß sind die Verwüstungen, die dieser Krieg hinterlässt. Ganze Wohnviertel, eine ganze Infrastruktur vernichtet. Rund drei Prozent der palästinensischen Bevölkerung des Gazastreifens leben nicht mehr. Eine präzedenzlose Zahl an Kindern, denen Gliedmaßen amputiert werden mussten; eine noch unabsehbare Zahl an Schwersttraumatisierten. Zugleich eine israelische Gesellschaft, die erschöpft, gespalten und polarisiert ist wie nie zuvor. Extremisten, die wesentliche Teile von Politik und Gesellschaft dominieren: Die sich rühmen, wie oft sie in den zurückliegenden Wochen ein Waffenstillstandsabkommen verhindert haben; die im Westjordanland weiter Angst unter der palästinensischen Bevölkerung verbreiten. Eine von den Kriegsfolgen gezeichnete Wirtschaft mit Verbraucherpreisen, die viele schon längst nicht mehr bezahlen können. Eine Armee, die weder ihre eigene Bevölkerung vor den Massakern des 7. Oktober schützen noch anschließend eine nennenswerte Zahl an Geiseln befreien konnte. Ja, und dann die Geiseln selbst; die vor fünfzehn langen Monaten rücksichtslos von Terroristen Verschleppten und Misshandelten: Wenn sie dann freigelassen werden – werden sie je in der Lage sein, wieder ein normales Leben zu führen?
Die Schritte des Waffenstillstandsabkommens sind komplizierter, als sie zunächst erscheinen mögen. Sie ziehen sich über drei lange Phasen hin – und die Möglichkeit eines Scheiterns besteht jederzeit. Vor allem ist noch ganz und gar unklar, wie die Zukunft des Gazastreifens schließlich aussehen soll.
Nein, Grund zum Jubel besteht keiner. Aber wohl doch ein Anlass zur Erleichterung. Und vielleicht auch zu der leisen Hoffnung, dass Israelis und Palästinenser nun pragmatische Lösungen der Koexistenz werden finden müssen. Weil ganz klar ist, dass weder die einen noch die anderen irgendwann aus dem Land zwischen Mittelmeer und Jordan verschwinden werden –nicht einmal als Folge von Terror und Krieg. Der Tag des Waffenstillstandes ist erst der Beginn eines langen und mühsamen Weges. Ein Plan zum Wiederaufbau, eine von allen Seiten anerkannte Untersuchung und Verfolgung von Kriegsverbrechen, eine politische Lösung – all dies ist jetzt dringend. Vor allem aber braucht es jetzt unendlich viel humanitäre Hilfe, um die größte Not zu lindern. Die immerhin ist ein wesentlicher Teil des Waffenstillstandsabkommens. Wenn es funktioniert, und wenn das Abkommen über seine erste Phase hinaus in Kraft bleibt – dann besteht wohl tatsächlich auch die Hoffnung auf Frieden.
„Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende.“ (Klagelieder 3,22)
Dr. Uwe Gräbe
Fachbereichsleiter Nahost
Geschäftsführer EVS