Donnerstag, 22. Januar 2026
Einheit in einer zersplitterten Welt
Theologischer Impuls
„Denn wie der Leib einer ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus.“ 1. Korinther 12
Warum wählt Paulus hier den Körper als Metapher für Einheit? Der Körper ist kein perfektes System; er lebt in ständiger Spannung zwischen Denken, Fühlen und Handeln. Manchmal weiß der Kopf, was richtig ist, doch die Hände weigern sich, zu folgen. Paulus spricht von einem Körper mit vielen Gliedern, doch nicht jeder besitzt denselben Körper – weder physisch noch sozial. Einige haben bestimmte Teile verloren, andere leben mit Behinderungen, wieder andere sind aufgrund von Schmerzen oder Ablehnung „abgekoppelt”. Und doch liegt genau darin die Schönheit: Die Einheit des Leibes Christi basiert nicht auf Perfektion, sondern auf der Bereitschaft, durch Liebe verbunden zu bleiben.
Oft verhalten sich die Welt und sogar die Kirche oft wie ein Leib, der nicht mehr koordiniert ist: Hände, die unterdrücken, Münder, die fluchen, Herzen, die abgestumpft sind. Kann man das noch als einen Körper bezeichnen? In unserer zersplitterten Welt, die von sozialen, politischen und ökologischen Krisen geprägt ist, wird diese Frage schmerzlich real. Was hält uns zusammen, wenn unsere Richtungen und Methoden unterschiedlich sind? Sind wir durch „Gemeinsamkeiten“ oder durch eine tiefere „Einheit“ verbunden, die aus Unterschieden entsteht, die durch Liebe verwandelt wurden?
Die Einheit des Leibes Christi basiert nicht auf Perfektion, sondern auf der Bereitschaft, durch Liebe verbunden zu bleiben.
Wahre Einheit entsteht nicht durch Dominanz, sondern durch Demut, indem man dem anderen Raum gibt. Elisabeth Schüssler Fiorenza erinnert uns daran, dass die Metapher des Körpers niemals Unterschiede verschweigen oder Hierarchien rechtfertigen darf, sondern uns zu einer Jüngerschaft der Gleichberechtigten aufruft. Dorothee Sölle erweitert diese Vision noch weiter: Wenn ein Glied leidet, sei es der Arme, der zum Schweigen Gebrachte oder die verwundete Erde, leidet der ganze Körper. Der mystische Körper ist politisch; Solidarität ist sein Herzschlag.
Der Leib Christi zu sein bedeutet, in Beziehungen zu leben, die ständig erneuert werden müssen. In 1. Korinther 12 erinnert uns Paulus daran, dass, wenn ein Glied leidet, alle leiden; wenn eines sich freut, sich alle freuen. In einer Welt, in der soziale, politische und spirituelle Bindungen leicht zerbrechen, ist die Kirche dazu aufgerufen, ein Leib zu sein, der wieder zu fühlen lernt. Ein Leib, der sich weigert, gegenüber dem Schmerz seiner eigenen Glieder gefühllos zu werden.
Manchmal gibt uns diese Welt das Gefühl, dass Christus erneut gekreuzigt wird – in den Gesichtern von Kindern, die in Kriegsgebieten gefangen sind, in den Menschen, die durch Ungerechtigkeit geschwächt sind, und in den Herzen von Menschen, die die Kraft zum Vergeben verloren haben. Wenn ein Teil des Leibes durch Gewalt oder Gleichgültigkeit zerrissen wird, trägt der ganze Leib die Narben. Wenn Hass die Liebe ersetzt und wenn der Verstand nur noch danach strebt, sich selbst oder seine eigenen Vorteile zu schützen, schwindet langsam der Raum, in dem Christus im Leib herrschen kann.
Dennoch bleibt in diesem Leib ein leerer Platz für Christus, der unter uns geboren wurde, und für diejenigen, die noch immer trauern und zittern, weil sie seinen Tod vor ihren Augen wiederholt gesehen haben, weil Gerechtigkeit den menschlichen Geist nicht mehr wiederbeleben kann. Möge diese Leere wieder mit dem lebendigen Herzen Christi gefüllt werden, das sanft in uns schlägt und uns lehrt, wieder zu lieben, damit dieser gebrochene Leib und diese zerbrochene Welt wieder den Puls der Liebe spüren können, der heilt.
Pfarrerin Junita (Toraja-Kirche, Indonesien) ist stellvertretende Präsidentin der EMS.