Donnerstag, 14. Mai 2026
„Ich möchte, dass meine Kinder an sich glauben“
Wie Anna Riana Arief gehörlosen Kindern in Indonesien eine Stimme gibt
Im Förderzentrum in Rantepao herrscht lebhaftes Treiben, wenn Anna Riana Arief die hellen Räume betritt. Kinderhände greifen nach ihr, Augen lachen sie an, überall sind schnelle Bewegungen in Gebärdensprache zu sehen.
Hier, im Herzen von Nord-Toraja, Indonesien, unterrichtet sie gehörlose Kinder – genau an dem Ort, an dem sie selbst einst lernen musste, sich in einer stillen Welt zurechtzufinden.
Die 42-Jährige verlor ihr Gehör im frühen Kindesalter. Heute arbeitet sie als Betreuerin und Lehrerin im Projekt RBM – die Abkürzung steht für Rehabilitasi Bersumberdaya Masyarakat, auf Deutsch „Rehabilitation in der Gemeinschaft“. Das Zentrum der Toraja-Kirche wird seit vielen Jahren von der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS) unterstützt.
Für Anna ist das RBM mehr als ein Arbeitsplatz. Es ist der Ort, an dem ihr eigener Weg begann – und von dem aus sie heute Kindern Mut, Orientierung und Zukunftschancen gibt.
(In Indonesien ist die Anrede oft sehr formell, insbesondere in offiziellen Gesprächen. Für dieses Interview wurde einvernehmlich das „Du“ gewählt. Es passt zur offenen, warmen Atmosphäre, die Anna in ihrer Arbeit schafft.)
Anna, danke, dass du dir Zeit nimmst. Wo bist du aufgewachsen?
Ich bin in Rantepao geboren, der Hauptstadt von Nord-Toraja. Meine Mutter kommt aus Baruppu, mein Vater aus Sudu. Meine Eltern waren immer für mich da. Mit dem, was sie hatten, haben sie wirklich alles versucht, um mir eine schöne Kindheit zu schenken. Es war nicht immer leicht. Aber ich habe viele gute Erinnerungen daran. Meine Mutter wurde christlich erzogen, mein Vater im Islam. So bin ich mit beiden Religionen vertraut. Besonders meine christliche Großmutter hat mich sehr geprägt.
Du hast dein Gehör sehr früh verloren. Wie hast du das erlebt?
Eigentlich erinnere ich mich selbst kaum daran. Ich war noch sehr klein, etwa ein Jahr alt. An den Unfall und die Zeit danach habe ich keine eigenen Erinnerungen. Ich kenne das alles nur aus den Erzählungen meiner Eltern. Sie haben mir erzählt, dass sie mit mir nach Makassar gefahren sind. Dort erklärte ein Arzt, dass ein Nervenstrang gerissen sei, was zu meiner Taubheit führte.
Erst als ich älter wurde, merkte ich: Ich bin anders als die anderen Kinder. Freundschaften zu schließen, war schwierig. Und es war nicht immer leicht, mich verständlich zu machen. Manchmal habe ich mich einsam gefühlt. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen.
Wann bist du zum ersten Mal mit dem Förderzentrum RBM in Kontakt gekommen?
Ich war etwa zwölf Jahre alt. Meine Eltern hatten über die Kirche davon erfahren. Damals habe ich zum ersten Mal gespürt, dass man mich hier wirklich versteht. Ich konnte lernen, mich auszudrücken, ohne mich zu schämen.
Was hat dir dieser Ort damals bedeutet?
Sehr viel. Für mich als Kind war das RBM ein sicherer Ort. Ich wurde dort nicht nur unterrichtet, sondern ernst genommen. Die Betreuerinnen und Betreuer hatten Geduld. Sie haben mir Mut gemacht. Das hat mein Leben verändert.
Wie bist du Mitarbeiterin im RBM geworden?
Nach vielen Jahren beim RBM habe ich gemerkt: Ich möchte das weitergeben, was ich selbst bekommen habe. Mit 27 habe ich hier angefangen zu arbeiten – zuerst als Assistentin, später als Betreuerin und Lehrerin. Es war ein natürlicher Übergang. Ich kannte den Ort. Und er bedeutete mir sehr viel.
Wie ist dein Alltag mit den Kindern heute?
Sehr lebendig. Wir lachen viel. Wir lernen gemeinsam. Ich freue mich besonders, wenn ich sehe, wie Kinder mutiger werden. Viele sind am Anfang sehr schüchtern. Und nach einiger Zeit beginnen sie sich zu öffnen. Diese Entwicklung zu begleiten, ist wunderschön.
Gibt es Momente, die dir besonders nahegehen?
Ja, zum Beispiel, wenn Kinder plötzlich vor anderen gebärden, obwohl sie sich das früher nicht getraut haben. Oder wenn sie mir zeigen: „Ich kann das jetzt allein.“ Das macht mich glücklich.
Welche Rolle spielt Gebärdensprache in deiner Arbeit?
Eine sehr große. Sie ist der Schlüssel zu allem. Ohne Verständigung gibt es kein Selbstvertrauen. Ich unterrichte in Gebärdensprache und nutze sie im Alltag. Am Anfang fiel mir das nicht leicht. Aber mit Training und Unterstützung habe ich viel gelernt.
Wie läuft die Kommunikation im Alltag ab?
Die meisten gehörlosen Menschen hier nutzen Bahasa Isyarat Indonesia (BISINDO) – unsere natürliche Gebärdensprache. Wir benutzen sie im Alltag, beim Spielen, Lernen oder bei Treffen. Daneben gibt es Sistem Isyarat Bahasa Indonesia (SIBI), das vor allem in Schulen und bei offiziellen Anlässen verwendet wird.
Was ist der Unterschied zwischen beiden?
BISINDO ist lebendig und flexibel. Es nutzt Mimik und Körperbewegung. Das ist die Sprache, die wir wirklich jeden Tag benutzen. SIBI ist stärker standardisiert. Viele finden es schwieriger und nutzen es deshalb im Alltag weniger.
Und wie läuft die Kommunikation mit hörenden Menschen ab?
Das ist unterschiedlich. Die meisten kennen keine Gebärdensprache. Oft müssen wir dann schreiben, um uns zu verständigen. Wir nutzen dafür Notizen oder Apps. Ohne diese Hilfsmittel geht es meistens nicht. Bei Behörden oder in besonderen Situationen helfen manchmal Dolmetscherinnen und Dolmetscher oder Freiwillige.
Welche Herausforderungen sind für die Kinder am größten?
Der Weg in ein selbstständiges Leben. Viele von ihnen möchten arbeiten, zum Beispiel nähen, Kosmetik herstellen oder kleine Geschäfte eröffnen. Doch oft fehlt es an Geld oder Unterstützung. Ich versuche, ihnen Mut zu machen. Und sie daran zu erinnern, was sie alles können. Unsere Gemeinschaft hilft dabei sehr.
Siehst du dich selbst als Vorbild?
Eigentlich nicht. Ich bin einfach jemand, der Ähnliches erlebt hat. Aber vielleicht zeigt meine Geschichte: Es ist möglich, seinen eigenen Weg zu gehen. Mit Geduld. Und mit Unterstützung.
Gibt es ein Projekt, das dir besonders am Herzen liegt?
Ich wünsche mir, dass meine Kinder selbstständig werden. Dass sie Lesen lernen. Und ihren Platz in der Gesellschaft finden. Dafür brauchen wir aber konkrete Hilfsmittel. Zum Beispiel spezielle Hörhilfen. Und ein gutes SIBI-Wörterbuch für den Unterricht. Und ich habe noch einen einfachen Wunsch: Ich würde so gern einmal mit den Kindern einen kleinen Ausflug machen. Einfach mal raus aus dem Alltag. Gemeinsam lachen. Erinnerungen sammeln. Das würde ihnen sicher gefallen.
Du sprichst gern von „meinen Kindern“. Warum sagst du das?
(Anna lächelt kurz, bevor sie antwortet.) Ja. Es fühlt sich wirklich so an. Sie sind etwas ganz Besonderes für mich. Ich begleite sie jeden Tag, sehe ihre Ängste, ihre Fortschritte, ihre Freude. Manchmal fühlt es sich an, als wären es meine eigenen Kinder.
Was ist das Wichtigste, das du im Leben gelernt hast?
Geduld. Aufmerksamkeit. Und dass jede Unterstützung zählt. Ich habe erlebt, wie Ermutigung ein Leben verändern kann. Heute darf ich das weitergeben. Das ist für mich die größte Belohnung.
Vielen Dank für das Gespräch, Anna.
Vielen Dank. Ich möchte allen Menschen danken, die hinter dieser Arbeit stehen – den Unterstützerinnen und Unterstützern des RBM. Ohne sie wäre mein Weg nicht möglich gewesen. Und auch die Zukunft der Kinder im RBM nicht. Mein Dank gilt außerdem meinen Kolleginnen und Kollegen. Sie leisten jeden Tag großartige Arbeit. Ich bin glücklich, Teil dieses Teams zu sein.
Interview und Text: Thorsten Krüger