Montag, 20. November 2023

„Jesus selbst war ein Flüchtling“

Der internationale Missionsrat der EMS diskutiert über Gastfreundschaft und Migration

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Der Internationale Missionsrat der EMS traf sich vom 15. bis 17. November zu einer Videokonferenz. Das Thema „Gastfreundschaft und Migration“ stand im Mittelpunkt der Beratungen. Die Mitgliedskirchen und Missionsgesellschaften der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS) engagieren sich weltweit für Flüchtlinge und Migrant*innen. Sie setzen sich für Menschlichkeit und Respekt gegenüber den Menschen ein, die ihre Heimat verlassen mussten.

Pfarrer Dr. Habib Badr, Leiter der Nationalen Evangelischen Kirche in Beirut (NECB), berichtet in der Sitzung des Missionsrats, dass der Libanon seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien 2011 mehr als zwei Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat. Das ist fast die Hälfte der libanesischen Bevölkerung (ca. 5 Millionen). Er betont, dass trotz der großen Krisen, die der Libanon in den letzten Jahren zu bewältigen hatte, die Aufnahme dieser hohen Anzahl an Flüchtlingen von diesem kleinen Land bewältigt wurde. Badr informiert, dass seit einigen Monaten neue Gruppen von Flüchtlingen (zumeist erwachsene Männer) aus Syrien ankommen. Diese neue Fluchtbewegung hat in der libanesischen Gesellschaft und in den libanesischen Kirchen eine Debatte über den Hintergrund dieser ungewöhnlichen Migrationsbewegung ausgelöst sowie darüber, wie viele Menschen der Libanon noch aufnehmen kann. Dahinter steht die Sorge der libanesischen Gesellschaft und der Kirchen, dass das sensible Gleichgewicht der verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Libanon gefährdet sein könnte. „Wir haben uns gefragt, was wir im Rahmen unserer Gastfreundschaft noch leisten können. Ich bin fest davon überzeugt, dass Gastfreundschaft ein wesentliches Element unserer christlichen Existenz ist. Aber gilt Gastfreundschaft auch noch, wenn sie unsere eigene Existenz im Land gefährdet?“

Claudia Barth, Pfarrerin der Hoffnungskirchengemeinde in Kassel, berichtet von den Erfahrungen in ihrer sehr international geprägten Gemeinde. Die Gemeinde bietet vielfältige diakonische Hilfen. Mit den vielen Flüchtlingen ab 2015 veränderte sich die Gemeindearbeit. „Unter anderem war die regelmäßige Lebensmittelverteilung unsere Form der Gastfreundschaft im weiteren Gemeindebereich. Aber wir wollten auch die Flüchtlinge, die ab 2015 vermehrt zu uns kamen, willkommen heißen und für sie sozusagen die Türen öffnen.“ Im vergangenen Jahr sind zusätzlich viele Ukraine-Flüchtlinge gekommen. Barth berichtet, dass die Gemeinde ihre Lebensmittelangebote inzwischen wegen der hohen Anzahl der Flüchtlinge neu organisieren musste, um auch den Gemeindemitgliedern weiterhin den Zugang zu ermöglichen. Das war nicht einfach. Sie erklärt: „Für uns ist Beteiligung der Schlüssel, um diese Herausforderung zu meistern. Flüchtlinge, die vor einigen Jahren zu uns gekommen sind, helfen jetzt bei den diakonischen Angeboten. Wir erleben uns gegenseitig gleichzeitig als Gastgeber und Gast. Unsere Gemeinde ist Heimat für viele verschiedene Menschen geworden.“

Der Generalsekretär der Kirche von Südindien, Adv. Fernandas Rathina Raja, brachte in die Perspektive der Migrant*innen in die Diskussion ein. In Südindien sind mehr als ein Drittel der Bevölkerung Migrant*innen. Die meisten sind als Tagelöhner oder Bauarbeiter in die Städte gekommen, aber Indien hat inzwischen auch fast 8 Millionen Flüchtlinge aus Bangladesch aufgenommen. „Die Arbeitsmigrant*innen sind das Rückgrat der indischen Wirtschaft. Sie erwirtschaften mehr als zehn Prozent des indischen Bruttoinlandprodukts, obwohl sie selbst nur einen minimalen Lohn erhalten und meist unter erbärmlichen Bedingungen leben.“ Fernandas kritisiert, dass insbesondere die Familien der Migrant*innen recht- und schutzlos sind: „Die Kinder erhalten keinerlei Unterstützung. In einigen Fällen haben sie große Schwierigkeiten, die Schule vor Ort zu besuchen. Die Menschenrechte der Migrant*innen werden permanent verletzt. Ihnen wird das Recht auf ein angemessenes Einkommen und das Recht auf Bildung verweigert.“ Fernandas fordert Respekt gegenüber den Flüchtlingen und Migrant*innen. „Wir müssen die Menschen achten, die fliehen, um ihr Leben zu retten. Wir müssen die christlichen und säkularen Gemeinschaften dazu bringen, sie zu unterstützen. Wir müssen Druck auf die Regierungen ausüben, dass sie die Rechte der Migrant*innen sichern.“

Der theologische Berater der EMS, Dr. Samuel Ayete Nyampong von der Presbyterianischen Kirche von Ghana (PCG), veranschaulichte in seiner Bibelarbeit über Genesis 12 (Abraham und seine Familie als Migrant*innen), was Migration für die betroffenen Menschen bedeutet: Migration bedeutet, die gewohnte Umgebung zu verlassen, familiäre, soziale und gemeinschaftliche Beziehungen aufzugeben und ein Gast, ein Fremder zu werden. Zu den psychologischen Folgen gehören emotionale Krisen, Depressionen, Angst, Furcht, Unsicherheit und Einsamkeit. „Viele Migranten sind sich der großen Herausforderungen und Risiken bewusst, die sie auf sich nehmen. Aber sie sind optimistisch, dass sie es schaffen können, wenn sie an ihrem neuen Wohnort die Möglichkeit dazu haben. Einige nehmen Kredite auf, um ihre Reise zu finanzieren – sie sind sich ihrer hohen Verschuldung bewusst. Manche werden von ihren Schleppern missbraucht und schikaniert. Dennoch haben sie Hoffnung und geben nicht so schnell auf.

Die Mitglieder des Internationalen Missionsrates kommen aus Afrika, Asien, Europa und dem Nahen Osten. Sie alle kennen die Herausforderungen, die die Aufnahme von Flüchtlingen und Migrant*innen verbunden sind. Bei allen Unterschieden in der Situation in ihren Ländern waren sie sich einig, dass die Kirchen eine besondere Verantwortung für Flüchtlinge und Migrant*innen haben. Martin Abrahams, Präsident der Herrnhuter Brüdergemeine in Südafrika, fasste das Engagement der Kirchen wie folgt zusammen: „Jesus selbst war ein Flüchtling. Schon deshalb haben die Kirchen die Pflicht, sich für Flüchtlinge und Migrant*innen einzusetzen."