Donnerstag, 09. April 2026

Korea: Den Marginalisierten in Glauben und Solidarität dienen

EMS trauert um Dr. Sung-Sook Yeo, Diakonie-Pionierin und „Mutter der Tuberkulosekranken“

Gruppenbild mit Koreanischen Diakonia-Schwestern
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Dr. Sung-Sook Yeo, visionäre Ärztin und Mit-Initiatorin der Diakonia-Schwesternschaft in Korea – mit der die Evangelischen Mission in Solidarität (EMS) seit ihren Gründungsjahren eng verbunden ist – ist am 16. März im Alter von 108 Jahren friedlich verstorben.

In einem Kondolenzschreiben an die Schwestern brachte der Generalsekretär der EMS, Pfarrer Dr. Dieter Heidtmann, seine Anteilnahme zum Ausdruck und würdigte Dr. Yeo als eine „außergewöhnliche Persönlichkeit“.

„Möge unsere Verbundenheit in Christus euch in diesen Tagen der Trauer tragen und trösten“, schrieb er. „Wir sind im Gebet mit euch verbunden.“

Koreanische Frau an Schreibtisch.
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Ein Leben im Dienst der Marginalisierten

Geboren 1918 in einer armen Bauernfamilie im Landkreis Songhwa in der Provinz Hwanghae (heute Nordkorea), widmete Dr. Yeo ihr Leben dem Dienst an den am stärksten ausgegrenzten Menschen der Gesellschaft. Ihr Wirken erstreckte sich über die Zeit der japanischen Kolonialherrschaft, den Koreakrieg und die langen Jahre des nationalen Wiederaufbaus – stets getragen von einem tiefen Engagement für die Würde des Menschen und dienende Nächstenliebe.

Im Januar 1962 gründete sie in der Hafenstadt Mokpo die MokpoKlinik, zu einer Zeit, als Tuberkulose zu den am weitesten verbreiteten und am meisten gefürchteten Krankheiten in Südkorea zählte. Armut, Mangelernährung und beengte Wohnverhältnisse begünstigten die Ausbreitung der Krankheit, während die Betroffenen häufig stigmatisiert und sozial ausgegrenzt wurden. Viele verzögerten oder mieden eine Behandlung aus Angst vor Ablehnung oder aufgrund finanzieller Not.

Mokpo, Heimat von Wanderarbeitern, Kriegswitwen, Waisen und Geflüchteten, trug sichtbar die Spuren der Nachkriegsarmut. In diesem Kontext gründete Dr. Yeo ihre Klinik nicht als prestigeträchtige Einrichtung, sondern bewusst als einen Ort für Menschen am Rand der Gesellschaft. Bald wurde die Klinik sowohl medizinische Einrichtung als auch Zufluchtsort für jene, die sonst nirgendwo Aufnahme fanden. Durch Dr. Yeos unermüdliches Engagement entwickelte sie sich zu einem der wichtigsten regionalen Zentren für die Behandlung von Tuberkulose, und die Ärztin erhielt den liebevollen Beinamen „Mutter der Tuberkulosekranken“. 

„Dr. Yeo sah ihre Patientinnen und Patienten nie als bloße Krankheitsfälle, sondern als Leben, die wiederhergestellt werden mussten“, erinnerte sich eine Vertreterin der Schwesternschaft. „Durch ihre Barmherzigkeit zeigte sie auf besondere Weise wie Fürsorge in Zeiten tiefster Armut und Angst aussehen kann.“ 

Heilung durch Würde, Arbeit und Gemeinschaft

In ihrer täglichen Arbeit erkannte Dr. Yeo zunehmend die Grenzen rein medizinischer Behandlungen. Sie verstand, dass nachhaltige Heilung Würde, sinnstiftende Arbeit und Gemeinschaft einschließt. Aus dieser Überzeugung heraus verkaufte sie am 15. August 1965 ihren gesamten Besitz, um karges Land in Wangsanri, Samhyangmyeon, im Landkreis Muan – etwa zehn Kilometer von Mokpo entfernt – zu erwerben. Dort gründete sie das „Hansan Village”. 

In einer Zeit rasanter Industrialisierung und autoritärer Entwicklungspolitik in Südkorea, die viele verletzliche Bevölkerungsgruppen ausgrenzte, bot Hansan Village eine alternative Vision. Als selbsttragende Gemeinschaft konzipiert, ermöglichte es ehemaligen Tuberkulosekranken, gemeinsam zu leben und zu arbeiten, Verantwortung zu teilen und ihr Leben in Würde neu aufzubauen. Statt Abhängigkeit zu fördern, setzte das Dorf auf Teilhabe, gegenseitige Unterstützung und Zugehörigkeit. 

Hansan Village unterschied sich deutlich von staatlichen Sanatorien und Umsiedlungsprogrammen, die oft hierarchisch und streng reglementiert waren. Es verkörperte vielmehr einen basisnahen, am Menschen orientierten Ansatz, geprägt von Vertrauen und gemeinsamer Verantwortung. Dr. Yeos Arbeit dort war tief verwurzelt im Geist der Diakonie – des christlichen Rufes zum Dienen – und stellte sie bewusst an die Seite der Ärmsten und Ausgegrenzten. 

Ein Glaube, geprägt von Dienst und Solidarität 

Dr. Yeos Engagement wurde zunehmend von theologischen und sozialen Bewegungen der Diakonie geprägt. Während der politischen Repressionen der 1970er und frühen 1980erJahre wurden glaubensbasierte Initiativen, die Solidarität mit den Armen betonten, von der Militärregierung häufig misstrauisch beobachtet. 

Im Mai 1980 wurde inmitten großer politischer Unruhen die Koreanische Diakonia-Schwesternschaft im Hansan Village gegründet. Dr. Yeo spielte dabei eine entscheidende Rolle durch ihre enge Zusammenarbeit mit dem verstorbenen Professor Byung-Mu Ahn, mit dem sie die Vision eines Glaubens teilte, der sich in Dienst und Solidarität ausdrückt. Auf Basis seiner Erfahrungen mit der Diakoniebewegung in Deutschland schlug Prof. Ahn Hansan Village als Standort für die neue Gemeinschaft vor, nachdem frühere Pläne gescheitert waren. 

Dr. Yeo stellte das Land zur Verfügung und beteiligte sich gemeinsam mit sieben Schwestern an der Gründung. Auch Pfarrerin Dorothea Schweizer, die von der EMS nach Korea entsandt worden war und eng mit Prof. Ahn verbunden war, spielte eine bedeutende Rolle in der frühen Entwicklung der Gemeinschaft.

Obwohl sie maßgeblich an der Gründung beteiligt war, trat Dr. Yeo der evangelischen Schwesternschaft nie bei. Als Ärztin sah sie ihre Berufung darin, weiterhin bei den Tuberkulosekranken der Region Mokpo zu bleiben, während sie die Leitung des Hansan Village den Schwestern anvertraute. In späteren Jahren überließ sie ihr gesamtes verbleibendes Vermögen der Schwesternschaft, um deren langfristige Existenz zu sichern. 

Koreanische Ärztin mit Patienten vor dem Tuberkulose-Sanatorium.
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Ein bleibendes Vermächtnis 

Die Mokpo-Klinik und das Hansan Village entstanden vor den Hintergrund konkreter historischer Umstände – Krieg, Krankheit, Armut und politische Repression – doch ihre Bedeutung reicht weit darüber hinaus. Gemeinsam stehen sie für eine ganzheitliche Antwort auf menschliches Leid, die Leibliches, Existenzsicherung, Gemeinschaft und Würde gleichermaßen in den Blick nimmt.

Hansan Village entwickelte sich schließlich nicht nur zu einem Ort der Genesung, sondern auch zu einem geistlichen Zentrum, zu dem das Diakonia- Pflegeheim gehört, in dem Dr. Yeo ihre letzten Jahre verbrachte. Seit März 2019 lebte sie dort und wurde bis zu ihrem Tod liebevoll von den Schwestern betreut.

So schloss sich der Lebenskreis von Dr. Sung-Sook Yeo. Sie lebte und starb in der Gemeinschaft, die sie mit aufgebaut hatte, getragen von dem Geist der Fürsorge, des Dienens und der Solidarität, der ihr lebenslanges diakonisches Zeugnis geprägt hatte.