Donnerstag, 12. Februar 2026

Mit der EMS durch die Passionszeit

Unterwegs mit Jesus und unseren Fragen

In den Wochen vor Ostern machen sich Christinnen und Christen auf der ganzen Welt bewusst auf den Weg: den Weg Jesu nach Jerusalem, an dessen Ende Kreuz und Auferstehung stehen – das Zentrum des christlichen Glaubens. 

Bereits in Kapitel 9, Vers 51 des Lukasevangeliums heißt es: „Es begab sich aber, als die Zeit erfüllt war, dass er in den Himmel aufgenommen werden sollte, da wandte er das Angesicht, entschlossen, nach Jerusalem zu wandern.“ 

Der Weg Jesu: Begegnungen, Geschichten und Herausforderungen 

Der Evangelist Lukas beschreibt diesen Weg als eine Reise voller Begegnungen, Gespräche und Erfahrungen. Jesus ist nicht allein unterwegs. Menschen begleiten ihn, stellen Fragen, kommen zu ihm mit Nöten und Hoffnungen. Mit ihnen teilt er die Zeit, die seinem Leben bleibt, findet ermunternde und mahnende Worte, hinterlässt Geschichten zum Nachdenken. Dabei spielen oft Frauen eine wichtige Rolle: Sie treten selbstbewusst auf, wehren sich gegen Ungerechtigkeit und nehmen ihr Leben in die Hand. Gleichzeitig zeigen manche Männer in entscheidenden Momenten Unsicherheit oder ziehen sich zurück. 

Die biblischen Geschichten erzählen von Macht, von Mut, von Ausgrenzung und von Solidarität – und damit auch von Fragen, die uns heute bewegen. 

Impulse junger Theolog*innen zu Gender und Gerechtigkeit 

In der Passionszeit wollen wir diesen Weg gemeinsam neu entdecken. Sieben junge Theologinnen und Theologen gestalten wöchentlich kurze Impulse auf Instagram und Facebook. Sie lesen die vertrauten Texte mit frischem Blick und fragen: Was berührt uns daran heute? Welche Gefühle, Erfahrungen und Strukturen werden sichtbar? Was sagen diese Geschichten über unser Zusammenleben, über Gerechtigkeit und über Rollenbilder? 

Dabei geht es auch um Gender und Gerechtigkeit. Als EMS setzen wir uns für eine Welt ein, in der Menschen frei von Diskriminierung und Gewalt leben können – unabhängig von Geschlecht oder sexueller Orientierung. Deshalb schauen wir bewusst darauf, welche Spuren die biblischen Texte in diesem Zusammenhang legen: Wo werden Menschen gestärkt? Wo werden sie ausgegrenzt? Und was bedeutet das für unsere Kirchen und unsere Gesellschaft heute? 

Begleiten Sie uns auf dieser Reise durch die Passionszeit bis in die Karwoche. Entdecken Sie Impulse, die zum Nachdenken anregen, berühren, herausfordern und Mut machen auf Instagram und Facebook.

7 Theolog*innen, 7 Impulse

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Lk 9,51-61

In der Passionszeit teilen sieben junge Theolog*innen, die der EMS verbunden sind, kurze Impulse – frisch, nachdenklich und nah am Leben.

Joscha Quade, Theologe und zuständig für Drittmittel bei der EMS, macht den Anfang mit Lukas 9,51-61 und fragt: „Bleiben oder gehen?“ 

Jesus bricht auf und entscheidet sich für den Weg nach Jerusalem – er lässt vieles zurück. Nicht alle gehen mit. Manche bleiben zurück aus Angst oder Gewohnheit. 

Jesus geht weiter. Er schließt die Tür hinter sich. Umkehren ist keine Option. Vor ihm liegt ein Weg voller Herausforderungen. Nicht überall ist er willkommen, manchmal ist er „zu anders“ und stört den Alltag.

Viele kennen solche Entscheidungen: bleiben oder gehen? Im Beruf, in Beziehungen, in Krisengebieten oder in unseren Gemeinden. Oft ist die Wahl nicht frei. 

Ich wünsche mir eine Kirche, die Menschen auf ihrem Weg eine offene Herberge bietet - einen Ort, an dem niemand abgewiesen wird, weil er „stört“ oder „nicht passt“. Einen Raum, der Mut macht, neue Wege zu gehen. Denn schon Jesus hätte eine solche Herberge gebraucht. 

Joscha Quade
Theologe und zuständig für Drittmittel bei der EMS

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Lk 15,8-10

In der Passionszeit teilen sieben junge Theolog*innen, die der EMS verbunden sind, kurze Impulse – frisch, nachdenklich und nah am Leben.

Marie Raschner, Vikarin der EKKW, knüpft in ihrem Beitrag an ein Gleichnis Jesu an und richtet den Blick auf das, was verloren scheint – und doch unendlich wertvoll ist.

Als Jesus mit denen isst, die andere „verloren“ nennen, sorgt das für Kritik. Er antwortet mit einem Bild: Eine Frau verliert einen Silbergroschen. Neun bleiben ihr – und doch sagt sie nicht: „Das reicht.“ Sie sucht beharrlich, zündet ein Licht an, kehrt gründlich – bis sie findet, was fehlt.

Ich glaube, dieses Bild erzählt von Gott: In einer Welt, in der Frauen oft unsichtbar bleiben, wählt Jesus die Geschichte einer Frau. Gottes Liebe zeigt sich in Hingabe, Fürsorge und Geduld – jeder Mensch ist wertvoll, jede*r zählt.

Ich träume von einer Kirche, in der Menschen spüren, dass sie wertvoll sind und mit ihren Fragen und Sorgen gesehen werden – wo niemand übersehen wird. Gott sucht – und ich wünsche mir, dass auch wir einander suchen: in der Kirche, in der Gesellschaft, im Privaten. Jede*r zählt.

Marie Raschner
Vikarin, Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW)

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Lk 18,1-8 

In der Passionszeit teilen sieben junge Theolog*innen, kurze Impulse – frisch, nachdenklich und nah am Leben. 

Sarah Hilmer, Doktorandin der Kirchengeschichte an der Georg-August-Universität Göttingen, richtet den Blick auf eine Emotion, die selten fromm wirkt: Wut. 

Eine Witwe kommt immer wieder zu einem Richter. Er hört nicht hin und kümmert sich erst um ihre Belange als sie ihm lästig wird – nicht, weil er an Gerechtigkeit interessiert ist.

Mich macht dieser Richter wütend. Seine Gleichgültigkeit wirkt erschreckend vertraut. Die Witwe dagegen bleibt beharrlich. Sie lässt sich nicht entmutigen und fordert ihr Recht ein. Ihre Wut ist Antrieb für Veränderung.

Viele Veränderungen beginnen dort, wo sich Menschen nicht länger alles gefallen lassen, wie es die vielen Vorkämpferinnen für Frauenrechte vorgemacht haben.

Der bevorstehende Weltfrauentag erinnert an den Kampf für die Gleichberechtigung, der noch immer nicht beendet ist. Auch heute gibt es viele ungehörte Stimmen, denen wir zuhören sollten.

Sarah Hilmer
Doktorandin der Kirchengeschichte an der Georg-August-Universität Göttingen

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Lk 21, 1-4

In der Passionszeit teilen sieben junge Theolog*innen kurze Impulse – frisch, nachdenklich und nah am Leben.

Pfarrerin Junita, Stellvertretende Vorsitzende der EMS-Vollversammlung, richtet den Blick auf das Thema Entbehrung in Lukas 21, 1-4.

Jesus hebt die Gabe der Witwe hervor: Ihr war bereits viel genommen worden – sozialer Status, wirtschaftliche Sicherheit, Zukunft – und doch gab sie von dem Wenigen, das ihr blieb, alles aus ganzem Herzen.

Er würdigt dieses tiefe Opfer und verweist zugleich auf sein eigenes. Er identifiziert sich mit allen, die Ausbeutung, Unterdrückung und Marginalisierung erfahren – damals wie heute.

Aus dieser Geschichte lerne ich: Glaube bedeutet nicht nur materielles Geben, sondern Solidarität mit denen, die in Leid und Begrenzung leben.

Meine Hoffnung für die Kirche heute: Menschen mit Privilegien stehen bereitwillig an der Seite der Bedürftigen und setzen sich selbst für sie ein.

Pfarrerin Junita
Stellvertretende Vorsitzende der EMS-Vollversammlung

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Lk 22,39-46

In der Passionszeit teilen sieben junge Theolog*innen kurze Impulse – frisch, nachdenklich und nah am Leben.

Pfarrer und Schulseelsorger Philipp Häge richtet den Blick auf Gethsemane (Lukas 22,39-46), wo Jesus betet und Angst erlebt.

Es ist Nacht. Der Heimweg ist lang. Ich verstecke meine Hände.

Im queeren Nachtklub haben Gleichgesinnte meine lackierten Fingernägel gefeiert. Hier draußen habe ich Angst deswegen von den falschen Leuten erkannt zu werden.

Meinen Freunden ist dieses Gefühl fremd. Sie sind weiß, hetero, männlich. Sie brauchen auf dem Heimweg keine Angst zu haben.

Doch ich fühle mich unsicher, selbst in ihrer Begleitung. Ich hinterfrage die Entscheidung, mir als Mann die Fingernägel lackiert zu haben. Die Hände in meinen Hosentaschen zittern. Also bete ich. Ich bete zu dem, der meine Angst kennt. Der im Garten Gethsemane selbst Angst hatte, der weiß, wie es sich anfühlt, von Freunden umgeben zu sein, die die Furcht nicht verstehen.

Das Beten hilft. Es beruhigt meine Seele. Es trägt mich sicher nach Hause – zumindest dieses Mal

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Lk 22,54-62

In der Passionszeit teilen sieben junge Theolog*innen kurze. 

Thomas Houba, Pfarrer der EKHN, richtet den Blick auf Lukas 22, 54-62, wo Petrus Jesus verleugnet – und an sich selbst scheitert. 

Petrus ist sich sicher: „Ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.“ Sein vollmundiges Versprechen: Nichts als heiße Luft. Gleich dreimal verleugnet er Jesus. Klassischer Fall männlicher Selbstüberschätzung. 

Vier von fünf jungen Verkehrstoten und Ertrinkungsopfern sind männlich. Kein Zufall, sondern das Ergebnis des männlichen Wettkampfs um Stärke, Mut und Risiko. 

Petrus ist meine Lieblingsfigur der Bibel, weil er so viel menschliche Tiefen zeigt. Und er weint bitterlich. Er zeigt: Mann muss sich nicht stärker darstellen, als mann ist. Erst recht nicht vor Gott. 

Auch bei aktuellen Fragen nach Männlichkeit braucht es neue Antworten. Dann gibt es auch weniger Unfalltote. Neue Männlichkeitsbilder, die die Bilder der Stärke übermalen: Ein realistisches Selbstbild ist ein Anfang: Männer weinen.