Dienstag, 23. Januar 2024

Wenn nur noch Trümmer bleiben

Kommentar zum Gaza-Israel-Konflikt

Wie werden wir am Ende dieses Abgrunds noch miteinander reden können? Wenn der derzeitige Strudel von Terror und Krieg, Gewalt und Hass im Nahen Osten einmal zum Halten gekommen ist; wenn auch unsere ideologischen Stellvertre­terkriege auf Europas Straßen einmal abklingen; wenn da nur noch Trümmer sind – von zerstörten Häusern, zerstörten Lebensgeschichten und zerstörten Seelen – wie können wir uns dann je wieder gegenseitig in die Augen schauen?

Für eine unserer EMS-Mitgliedskirchen ist dieser Krieg, der mit dem unvorstellbaren Terrorangriff der Hamas auf israelische Kinder, Eltern und Großeltern am 7. Oktober begonnen hat, keine ferne Theorie. Die Episcopal Diocese of Jerusalem betreibt in Gaza das anglikanische Ahli Arab Hospital. Bis Ende Oktober wurde diese Einrichtung zweimal von Raketen getroffen: Am Samstag, dem 14. Oktober, war es eine israelische Rakete, die die nagelneue Abteilung für Krebsdiagnostik schwer beschädigte und vier Mitarbeitende verwundete. Und am Dienstag, dem 17. Oktober, explodierte mit einiger Wahrscheinlichkeit eine fehlgestartete Rakete des Islamischen Jihad über dem Innenhof des Krankenhauses und tötete zahlreiche Menschen, die genau hier Zuflucht gesucht hatten. Fünf Kriege hat die Direktorin dieses einzigen christlichen Krankenhauses in Gaza, Dr. Souhaila Tarazi, hier durchgestanden. Der gegenwärtige ist der schlimmste.

Auch an anderer Stelle ist die EMS-Gemeinschaft betroffen von der gegenwärtigen Katastrophe: Die Ausreise zahlreicher junger Freiwilliger, die Israel und Palästina verlassen mussten, war nur über Jordanien und die dortige Theodor-Schneller-Schule möglich. Das Internat der Johann-Ludwig-Schneller-Schule im Libanon ist aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Krise ohnehin bis über die Grenze seiner Kapazität mit Kindern und Jugendlichen aus ärmsten Verhältnissen belegt – nun schlagen nicht allzu weit entfernt Raketen ein; der Libanon wird zunehmend in das Kriegsgeschehen hineingezogen. Unsere Theologiestudierenden, die über die EMS an die Near East School of Theology in Beirut (NEST) entsandt wurden, mussten ihr Studienjahr aufgrund der Reisewarnung unterbrechen.

Werden palästinensische Partner nach diesem Krieg noch unbefangen mit einer deutschen Kirchenleitung reden können, die sich in ihren Stellungnahmen auf ein „Wir stehen an der Seite Israels!“ festgelegt hat? Und umgekehrt: Werden jüdische Israelis noch den Dialog fortsetzen wollen mit solchen christlichen Gesprächspartnern, die den Hamas-Terror und die Vernichtungsphantasien gegenüber dem jüdischen Staat als Folge der israelischen Besatzung verharmlost haben? Der jahrhundertealte mörderische Antisemitismus braucht keine Besatzung, um seinen Hass zu begründen – er wird immer „die Juden“ oder eben den jüdischen Staat für alles Unglück verantwortlich machen. So, wie der Kampf gegen diesen Antisemitismus eine ständige Herausforderung darstellt, so besteht die andere Herausforderung darin, nach diesem Krieg endlich intelligentere Lösungen für die Sicherheitsprobleme Israels zu schaffen als das Wegsperren einer ganzen Bevölkerung. Die tief traumatisierten Menschen in Gaza brauchen Entwicklungsmöglichkeiten, die Einhaltung der Menschenrechte, klare Perspektiven, die ihnen viel zu lange vorenthalten wurden.

Als internationale EMS-Gemeinschaft stehen wir in solchen Krisensituationen zusammen. Wir beten für Frieden in Israel und Palästina, für unsere Geschwister vor Ort und insbesondere am Ahli Arab Hospital. Ein besonders beeindruckendes Zeichen kam Ende Oktober von der Presbyterian Church of Korea (PCK): Einen Betrag von 20.000 Euro haben sie gespendet, der nun über die EMS an das Krankenhaus in Gaza fließt. Zugleich rufen unsere koreanischen Geschwister auf zu einem Gebet für Israel und Palästina. Vielleicht gelingt es uns ja zumindest in der EMS-Gemeinschaft, die Beziehungen zu allen Seiten in diesem Konflikt aufrecht zu erhalten und einen Beitrag zum Frieden zu leisten.

Dr. Uwe Gräbe
Leiter des Fachbereichs Nahost/EVS der EMS

Hinweis: Der Kommentar bezieht sich auf die Situation im Nahen Osten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Textes im „EMS Einblick“ Ende November 2023.