Mittwoch, 21. Oktober 2026
„Wir hoffen trotz der Umstände“
Pfarrerin Dr. Rima Nasrallah über wegweisende Leitung, gelebte Gemeinschaft und die Rolle der Kirche in unsicheren Zeiten im Libanon
Am 28. Juni wurde Pfarrerin Dr. Rima Nasrallah van Saane als erste leitende Pfarrerin der Nationalen Evangelischen Kirche in Beirut (NECB), einer Mitgliedskirche der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS), in ihr Amt eingeführt.
Als erste Frau, die in der NECB ordiniert und später zur leitenden Pfarrerin berufen wurde, nimmt sie eine Vorreiterrolle in der protestantischen Kirchenlandschaft des Libanon und des Nahen Ostens ein. Ihre Wahl erfolgte in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher und kirchlicher Herausforderungen: Wirtschaftskrise, politische Instabilität, Migration und die anhaltenden Folgen von Konflikten prägen den Alltag vieler Menschen.
Im Interview spricht sie über den Wandel im Verständnis von Frauen in kirchlichen Leitungsämtern, ihre Vision für die Zukunft der NECB und die Verantwortung der Kirche, Räume der Heilung, des Zusammenhalts und der Hoffnung zu schaffen. Zugleich beschreibt sie, wie Hoffnung gerade in Zeiten von Unsicherheit und Krise zu einer tragenden Kraft werden kann.
2018 wurden Sie als erste Frau in der NECB zur Pfarrerin ordiniert. Heute sind Sie die erste Frau im kirchenleitenden Amt. Wenn Sie auf diesen Weg zurückblicken: Wie hat sich das Verständnis der Kirche zu Frauen in Leitungsfunktionen in den vergangenen acht Jahren verändert?
Seit meiner Ordination im November 2018 hat sich viel in der Wahrnehmung von Frauen im geistlichen Amt verändert, sowohl innerhalb der NECB als auch im ökumenischen Kontext. Für unsere Kirche war jeder Schritt dieses Weges eine Premiere: das Feiern des Abendmahls, die Durchführung von Trauungen, die Taufe von Kindern und die Begleitung von Familien bei Beerdigungen. Es brauchte Zeit, bis Gemeindemitglieder Vertrauen gewannen, dass diese seelsorgerlichen und sakramentalen Handlungen ebenso verlässlich und gültig sind, wenn sie von einer Frau ausgeführt werden. Noch herausfordernder war dies bei Anlässen mit Nicht-Protestanten, die häufig überrascht über das Geschlecht der Pfarrperson waren. Mit der Zeit entstand jedoch Vertrauen, und obwohl der Überraschungseffekt bei öffentlichen Veranstaltungen noch immer vorhanden ist, sind die Reaktionen heute überwiegend sehr positiv. Die Menschen beginnen, den anderen Führungsstil zu schätzen.
Ihre Wahl zur leitenden Pfarrerin wurde vielfach begrüßt, hat aber auch Debatten ausgelöst. Wie gehen Sie mit Menschen um, die Frauen in geistlichen Leitungsämtern weiterhin skeptisch gegenüberstehen?
Es gibt viele Menschen, die die Ordination von Frauen und ihre geistliche Leitungsrolle weiterhin ablehnen. Wenn die Gründe theologischer Natur sind und auf einer bestimmten Hermeneutik beruhen, kann ich diesen Unterschied nur respektieren und deutlich machen, dass wir von unterschiedlichen Verständnissen und Auslegungen der Heiligen Schrift ausgehen.
Bei denen, die ihre Vorbehalte auf gesellschaftliche oder kulturelle Überlegungen stützen, sehe ich die Skepsis als Ansporn, durch mein Handeln und meine Lehre einen überzeugenden Dienst zu leisten. Gleichzeitig habe ich akzeptiert, dass diese Debatte nicht so bald enden wird und dass es immer öffentliche Kritik und Widerstand geben wird. Solange ich nach bestem Wissen und Gewissen diene, tue ich dies mit Vertrauen und Zuversicht.
Sehen Sie Ihre Wahl als ein Signal über die Kirche hinaus für Frauen im Libanon und im Nahen Osten? Welche Botschaft möchten Sie jungen Frauen mitgeben, die Führungsrollen in Betracht ziehen?
Ich hoffe sehr, dass mein Dienst sowohl junge als auch ältere Frauen dazu inspiriert, auf Gottes Ruf in ihrem Leben zu antworten und ermutigt werden, ihren Platz in Kirche und Gesellschaft zu finden. Ich weiß, dass meine Wahl viele meiner früheren Studierenden an der Near East School of Theology ermutigt hat, für die solche Rollen zuvor undenkbar waren.
Ich bete jedoch auch dafür, dass die Art und Weise, wie ich diese Rolle lebe und ausübe, dazu beiträgt, ein neues Führungsmodell zu entwickeln, das nicht lediglich eine Kopie dessen ist, was Männer bislang getan haben.
Ihr Vorgänger, Pfarrer Dr. Habib Badr, hat die NECB mehr als vier Jahrzehnte geprägt und durch Zeiten von Krieg, Wiederaufbau und tiefgreifendem gesellschaftlichem Wandel geführt. Auf welche Aspekte seines Vermächtnisses möchten Sie aufbauen, und in welche neuen Richtungen möchten Sie die Kirche führen?
Ich habe viel von Pfarrer Badr gelernt. Er war mein Lehrer im Seminar, und ich habe viele Jahre eng mit ihm zusammengearbeitet. Er hat mir eine tiefe Wertschätzung für ökumenische Beziehungen, für Tradition und Geschichte vermittelt. Außerdem habe ich von seiner Toleranz und seiner Offenheit gegenüber anderen gelernt und beobachtet, wie er radikale Großzügigkeit praktizierte. Diese Werte möchte ich weitertragen.
Für die Zukunft möchte ich mich besonders auf den Aufbau von Gemeinschaft und auf geteilte Verantwortung in der Leitung konzentrieren. Der Standort der Kirche und die Situation im Land haben sich negativ auf den Zusammenhalt und das Wachstum der Gemeinschaft ausgewirkt. Daher möchte ich Möglichkeiten für Bildung, Austausch und geistliches Wachstum schaffen, um die Mitglieder der Kirche und der weiteren Gemeinschaft zu stärken, sodass sie sich gegenseitig tragen und unsere Institutionen mitgestalten können.
Junge Menschen liegen mir sehr am Herzen. Ich möchte ihnen zuhören, ihnen eine Stimme geben und Raum schaffen. Deshalb hoffe ich, unsere digitale Arbeit auszubauen, unsere liturgischen Angebote zu diversifizieren und neue Formen von Musik und Glaubensausdruck einzuführen.
Die Bewahrung der Schöpfung ist ein Thema, das mir besonders wichtig ist und das ich mit Leidenschaft verfolge. In meinem Dienst schenke ich diesem Bereich in Liturgie, Lehre und Praxis besondere Aufmerksamkeit.
Die NECB steht im Zentrum eines Kirchenbundes, dessen Gemeinden über den gesamten Libanon verteilt sind und unter den Folgen von Vertreibung und Krieg leiden. Es ist mein Wunsch, die Zusammenarbeit zwischen unseren Kirchen zu stärken und die protestantische Präsenz in ländlichen Regionen neu zu beleben.
Darüber hinaus bin ich mir der wachsenden Diaspora der NECB bewusst und hoffe, kreative Wege zu finden, mit unseren Mitgliedern im Ausland verbunden zu bleiben und ihre geistlichen Bedürfnisse zu begleiten.
Auf diese Aspekte meines Dienstes möchte ich mich konzentrieren. Ob daraus tatsächlich neue Richtungen entstehen, wird die Zukunft zeigen.
Sie übernehmen die Leitung in einer Zeit, in der der Libanon weiterhin unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten, politischer Unsicherheit und den Folgen regionaler Konflikte leidet. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Herausforderungen und Aufgaben der NECB in den kommenden Jahren?
In einer Region, in der die christliche Gemeinschaft schrumpft und die Auswanderung zunimmt, müssen wir als NECB unser Bewusstsein für unsere Berufung neu entdecken und unsere Rolle in der Gesellschaft auf nachhaltige und wirksame Weise wahrnehmen.
Angesichts vielfältiger Herausforderungen über einen langen Zeitraum besteht die Versuchung, sich ausschließlich auf das Überleben zu konzentrieren. Gleichzeitig wachsen die Bedürfnisse um uns herum: finanzielle, soziale und bildungsbezogene. Und unsere Rolle bei der Förderung des Friedens, der Menschenwürde und liebevoller Gemeinschaften wird immer wichtiger.
Mir sind die großen finanziellen Herausforderungen sowie der Mangel an personellen Ressourcen bewusst. Dennoch glaube ich, dass wir kreativ denken und kooperativ handeln müssen, um unseren Dienst fortzuführen, auszubauen und gleichzeitig mit den ausgewanderten Gemeindemitgliedern verbunden zu bleiben.
Krieg, Vertreibung und Verlust hinterlassen tiefe emotionale und geistliche Wunden. Wie können Kirchen Menschen und Gemeinschaften Ihrer Erfahrung nach helfen, von Traumata zu Heilung und Widerstandskraft zu gelangen?
Heilung entsteht durch Verbundenheit und Sinn. Die vergangenen Jahrzehnte haben die Libanesinnen und Libanesen sowohl innerhalb des Landes als auch darüber hinaus auseinandergerissen und verstreut. Kriege haben Familien entwurzelt, Dörfer zerstört und Lebensweisen sowie Traditionen unwiderruflich verändert.
Als Kirche besteht unsere Aufgabe darin, Gemeinschaft zu schaffen und Menschen miteinander sowie mit Gott zu verbinden. Die Kirche wird zu einem Zuhause, wenn das Zuhause nicht mehr zugänglich ist, zu einem sicheren Ort. Sie schafft Beständigkeit und Verlässlichkeit in einer Welt, die oft unzuverlässig und instabil erscheint.
Darüber hinaus kann die Kirche den Menschen ein Gefühl von Sinn und Sendung vermitteln, besonders denen, für die das Leben sinnlos und wertlos geworden ist. Wer sich als Teil von Gottes größerer Vision und Fürsorge versteht, erlebt die eigenen Probleme in einem anderen Verhältnis, und die Last wird leichter.
Wenn wir Menschen unterstützen, die Hilfe benötigen, kann sich das eigene Leid in eine heilende Kraft für andere verwandeln.
„Rest for the Weary“ (Ruhe für die Erschöpften) ist ein von der EMS gefördertes Projekt gegen genderspezifische Gewalt und für Gendergerechtigkeit. Was sind die Hauptziele des Projekts, und warum ist dieses Engagement im heutigen Libanon besonders wichtig?
„Rest for the Weary“ entstand als Reaktion auf die Erfahrungen einer Reihe von Frauen in der Gemeinschaft von Beirut, die müde geworden sind. Müde von Krieg und Angst mit all ihren Sorgen und Unsicherheiten während mehr als fünf Jahrzehnten. Müde von den täglichen Herausforderungen durch Stromausfälle, Wassermangel und eine marode Infrastruktur. Müde von der Sorge um alternde Eltern und heranwachsende Kinder inmitten finanzieller Krisen und ohne ausreichende Unterstützung. Und vor allem müde vom Kampf gegen geschlechtsspezifische Barrieren am Arbeitsplatz, zu Hause und gegen gesellschaftliche Erwartungen, die Frauen belasten.
Die Initiative soll Frauen helfen, Ruhe zu finden, eine unterstützende Gemeinschaft aufzubauen und Fähigkeiten zu entwickeln, die Heilung fördern und Frauen in ihren jeweiligen Lebenskontexten stärken.
Hoffnung ist ein zentrales Thema des christlichen Glaubens. Gleichzeitig erleben viele Menschen im Libanon anhaltende Unsicherheit. Wo sehen Sie heute Zeichen der Hoffnung, und was gibt Ihnen Zuversicht für die Zukunft?
Hoffnung ist ein Geschenk des Heiligen Geistes, ebenso wie Liebe und Frieden. Man muss sich dafür öffnen und dieses von Gott gegebene Geschenk annehmen.
Wie der Psalmist haben wir im Libanon gelernt, unser Vertrauen nicht „auf Fürsten, auf Menschen, bei denen keine Hilfe ist“ (Psalm 146,3) zu setzen, ebenso wenig auf Institutionen oder Versprechen. Wir hoffen also trotz der Umstände und nicht wegen bestimmter Zeichen oder Ereignisse.
Diese Hoffnung gründet auf dem Vertrauen, dass die Welt trotz allem, was wir Menschen einander antun, von Gott getragen und geliebt wird. Man lebt diese Hoffnung, indem man sein Leben mitten in Krieg, Ruinen und Katastrophen weiterführt und nicht darauf wartet, dass all dies vorübergeht.
In unseren Kirchengemeinden haben wir gelernt, uns durch äußere Bedrohungen und Herausforderungen nicht davon abhalten zu lassen, Gottesdienste zu feiern, unsere Arbeit fortzusetzen und Lebensfreude auch in schwierigen Zeiten zu finden.
Wir haben gelernt, keine allzu großen Erwartungen zu hegen oder langfristige Pläne zu machen, weil sie jederzeit zusammenbrechen können. Stattdessen vertrauen wir auf Gott und tun das, was im jeweiligen Moment möglich und für die Menschen um uns herum hilfreich ist. Denn bei Gott sind alle Dinge möglich.